Familie, Homosexualität, Liebe

Lesbisch und verliebt – aber wie bringe ich meine Freundin zum Outing?

Bea ist lesbisch und führt eine Beziehung mit der besten Freundin ihrer Mutter – doch die will kein Outing. Warum das so ist und was deren Kinder damit zu tun haben, liest Du hier.

Lesbisch – aber die Freundin will kein Outing.
Eine lesbische Beziehung zu verstecken, kann für beide Partner sehr belastend sein.


Hallo Max!

Ich heiße Bea und bin 32 Jahre alt. Ich möchte Dir erst einmal ein Kompliment machen, ich finde Du machst das hier mit dem Beantworten von Problemen ganz toll! Und deswegen hoffe ich, dass Du mir auch helfen kannst!

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, kurz gesagt habe ich mich in die beste Freundin von meiner Mutter verliebt! Sie heißt Anne. Da ich ungefähr seit 6 Jahren weiß, dass ich lesbisch bin (und auch geoutet bin), ist es für mich auch nicht ungewöhnlich, dass ich mich in eine andere Frau verliebe.

Verliebt in die beste Freundin der Mutter – aber es ist ein Geheimnis.


Schwierig und ungewöhnlich ist hingegen für mich die Tatsache, dass ich mich in die beste Freundin meiner Mutter verliebt habe! Und das aus zwei Gründen. Der eine ist, dass sie wesentlich älter ist als ich, sie ist 63, also 31 Jahre älter als ich.

Ein lesbisches Outing ist schwerer, wenn man mit den Kindern der Partnerin aufgewachsen ist.
Wenn man gemeinsam mit den Kindern der Partnerin aufgewachsen ist, kann ein Outing besonders kompliziert sein.

Der zweite Grund ist, dass ich/ wir meiner Mutter noch nichts davon erzählt haben. Das liegt unter anderem an unserer komplizierten Situation: Anne ist geschieden, hat Kinder in meinem Alter mit denen ich aufgewachsen bin und eigentlich bis jetzt nur heterosexuelle Liebe gelebt. Für sie ist unsere homosexuelle Beziehung etwas völlig Neues, ich bin jedoch am Zweifeln, ob sie es mit mir ernst meint. Ich habe sie auch eigentlich nie als „potentielle Partnerin“ gesehen, das ist vor zwei Monaten einfach irgendwie passiert.

Der erste Kuss war wie ein Feuerwerk!


Wir waren in größerer Runde bei meiner Mutter zum Abendessen eingeladen und wie das so ist, wurde viel getrunken. Nach und nach sind dann alle gegangen, und meine Mutter ist dann auch ins Bett. Also saßen Anne und ich noch auf der Terrasse, haben weiter getrunken und geredet, es war wunderschön. Bis sie sich um etwa 5 Uhr morgens zu mir rüber gebeugt hat und mich einfach auf den Mund geküsst hat. Das war dann wirklich ein Feuerwerk in meinem Bauch! Toll.

Das einzige Problem an der lesbischen Beziehung: Sie will kein Outing.


Und seit dem gibt es „uns beide“. Wir haben innigsten Kontakt, sehen uns so oft wie möglich. Leider will sie unsere Beziehung aber noch nicht öffentlich machen, um meine Mutter auf der einen Seite, und ihre Familie auf der anderen Seite zu schonen. Von ihrem Mann ist sie zwar getrennt, aber ihre Kinder liegen ihr sehr am Herzen und sie sagt, sie will sich noch Zeit mit dem Outing lassen.

Mein Problem ist, dass ich mit dieser Heimlichtuerei nicht leben will, es macht unsere Beziehung so viel schwerer und ich will endlich, dass sie auch vor anderen zu mir steht. Ich will sie meinen Freunden vorstellen, und eine normale Beziehung führen.

Ich habe Angst, dass sie es vielleicht nicht ernst mit mir meint, und deswegen nicht zu mir stehen will. Was soll ich machen? Soll ich sie unter Druck setzen, damit wir uns endlich als Paar outen? Oder soll ich ihr noch Zeit mit dem Outing geben? Ich weiß es einfach nicht.

Was meinst Du?
Bea

Liebe Bea,

also zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum glücklich-verliebt- sein!! Wie Du Dir vorstellen kannst, ist es gar nicht so ungewöhnlich, sich in eine Person aus dem näheren Umfeld zu verlieben. Man teilt den ähnlichen Freundeskreis, damit auch ähnliche Interessen und Wertvorstellungen, da kann es manchmal ganz schnell gehen.

Natürlich ist Deine Situation aber eine eher ausgefallene, da Du Dich in eine wesentlich ältere Frau verliebt hast, die noch dazu die beste Freundin Deiner Mutter ist. Für mich persönlich ist ein großer Altersunterschied in einer Beziehung vollkommen akzeptabel – so lange sich alles im gesetzlichen Rahmen bewegt (legales Alter usw.) und keiner zu Schaden kommt.

Die Gesellschaft wird toleranter – aber ein Outing ist nie leicht.


Außerdem habe ich auch das Gefühl, dass die Gesellschaft bezüglich ungewöhnliche Paare immer toleranter wird und ein Zusammenleben und Zusammenlieben immer einfacher wird! Klar wird es Menschen geben, die Eure lesbische Beziehung nicht verstehen und/ oder Euch nicht gönnen, aber so lange ihr beide dran glaubt, sollte das ja nun kein allzu großes Problem darstellen. Es ist ja schließlich Eure Beziehung, und nicht die anderer Menschen!

Ein bisschen schwerer als der Altersunterschied wiegt wohl nun, dass es hier um die beste Freundin Deiner Mutter geht. Denn damit haben sich zwei Menschen gefunden, die ein besonders starkes Vertrauensverhältnis zu ihr haben – ihre Tochter und ihre beste Freundin.

Da kann es natürlich zu Spannungen kommen, wenn Deine Mutter herausfindet, dass ihr beide ein Geheimnis vor ihr habt und sich möglicherweise betrogen fühlt. Deshalb rate ich Dir, dass ihr im Falle eines Outings als erstes Deine Mutter und die Kinder Deiner Freundin einweiht. Denn der engste Kreis ist oft verletzt, wenn er wichtige Dinge nicht zuerst erfährt.

Jeder Mensch darf selbst entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt für sein Outing ist.


Wer lesbisch ist, sollte sich mit dem Outing Zeit lassen dürfen.
Ein Outing ist eine lebensverändernde Entscheidung – und jeder muss selbst entscheiden, wann er dazu bereit ist.

Gerade für ihre Kinder wird die Nachricht wahrscheinlich ungewöhnlich und auch schwierig sein. Schließlich eröffnet Ihnen nicht nur ihre Mutter, dass sie eine Freundin hat, sondern diese Freundin ist auch noch in ihrem Alter und eine Freundin aus Kindertagen. Und gerade weil diese Situation nicht einfach für die Kinder Deiner Freundin wird, rate ich Dir, Deiner Freundin Zeit mit dem Outing zu geben!

Dränge sie jetzt nicht, denn für das Outing braucht jeder seine Zeit. Bedenke außerdem, dass es häufig einfacher ist, sich in jungen Jahren zu outen. Mit steigendem Alter ist man immer mehr in festen Strukturen gefangen – Deine Freundin zum Beispiel ist Mutter – so dass es gar nicht mehr so einfach ist, aus diesen “auszubrechen”. Einfach, weil die Überraschung oder der Schock bei den anderen wahrscheinlich größer sein wird, wenn es nach 30 Jahren, die man sich kennt, zum Outing kommt, als wenn man sich mit frischen 26 Jahren vor seinem Umfeld outet.

Ein Outing als Lesbe hat viel Vorteile – weckt aber auch viele Ängste.


Ich könnte mir vorstellen, dass sie auch Ängste bezüglich eines Outings hat – zum Beispiel davor, von ihren Kindern zurückgewiesen zu werden? Möglicherweise ist die Beziehung zu ihren Kindern aber auch nicht so eng, dass sie ein solch intimes Thema ohne weiteres ansprechen könnte? Dass das Outing vor der Familie oft besonders schwer ist, kannst Du übrigens auch im Beitrag von Beate lesen, deren Sohn schwul ist – ihr seine Homosexualität aber verheimlicht.

Wenn in einer lesbischen Beziehung gezweifelt wird, dann hilft ein Gespräch – auch über das Outing.
Ein Gespräch kann dabei helfen, dass sich beide Partnerinnen in einer Beziehung sicherer fühlen.

Eines ist klar: Es gibt eine Menge Möglichkeiten für Ihr Zögern. Sprich mit ihr darüber. Und erkläre ihr Deinen Standpunkt und Deine Angst davor, dass sie nicht zu Dir steht bzw. Dich nicht liebt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Deine Freundin Dir in so einem Gespräch Sicherheit über ihre Gefühle für Dich geben kann.

Empfehlung:
Freundin ist als Mutter überfordert – wie kann ich helfen?

Gleichzeitig bist Du mit der lesbischen Liebe schon wesentlich erfahrener und vertrauter als sie; ich bin mir sicher, dass Du ihr den einen oder anderen guten Ratschlag geben kannst – besonders in Bezug auf das Thema Outing. Du hast Dir Fragen, die sich viele Lesben stellen wie “Bin ich lesbisch oder ist das nur eine Phase?”, “Wirke ich lesbisch?”, “Wie erkenne ich, ob eine Frau lesbisch ist?” oder “Wie schlafen Frauen miteinander?” wahrscheinlich schon gestellt – also zeige ihr, dass sie sich auf Dich als Partnerin und Ratgeberin verlassen kann.

Ich weiß, Du bist ungeduldig. Und es ist als geoutete Person oft nicht nachzuvollziehen, warum andere es nicht tun. Aber jetzt heißt es für Dich eben ersteinmal, Geduld zu haben und sich nicht verunsichern lassen.

Mein Tipp: Entdecke gemeinsam mit ihr die Vorteile eines lesbischen Outings!


Vielleicht wäre es auch eine (vorübergehende) Lösung, dass ihr beide mal zusammen in Urlaub fahrt? Irgendwohin, wo Euch keiner kennt und wo ihr Euch wie ein normales lesbisches Paar benehmen könnt. Das könnte Dir – zumindest für ein paar Tage – das Gefühl geben, eine geoutete lesbische Beziehung zu führen und Deine Ungeduld vielleicht etwas beruhigen.

Empfehlung:
Trotz großem Altersunterschied: Verliebt in erwachsenen Mann.

Und es wäre auch für Deine Freundin eine gute Gelegenheit, sich Schritt für Schritt an ein Leben als geoutete Lesbe heranzutasten. Und vielleicht wird sie merken, wie entspannt ein solches Leben sein kann und dass offen lesbisch sein viele Vorteile hat. Vielleicht erkennt sie dadurch, wie schön es wäre, solch ein Leben ohne Versteckspiele auch in ihrem regulären Leben zu Hause führen zu können.

Ich hoffe, ich konnte Dir mit meinem Ratschlag helfen und wünsche Euch beiden alles Gute!

Ich grüße Dich,

Dein Max

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