Familie

Mit 36 Jahren erfahren: Ich wurde adoptiert.

Melanie hat gerade erfahren, dass sie als Kind adoptiert wurde. Warum sie sich schon früher gewünscht hat, adoptiert zu sein und was Max ihr jetzt rät, lest ihr hier.

Ich bin ein Baby und adoptiert.
Wenn man erfährt, dass man als Baby adoptiert wurde, stellen sich viele Fragen.

Hallo Max,

mein Name ist Melanie und ich bin 36 Jahre alt. Mein Leben war bis jetzt schon ganz schön turbulent, und jetzt habe ich von meinen vermeintlich leiblichen Eltern vor drei Tagen auch noch erfahren, dass ich adoptiert bin. Seitdem bin ich vollkommen durcheinander und weiß gar nicht mehr, was ich denken soll.

Schon früh war der Wunsch da, adoptiert zu sein.


Ich habe zu meinen Eltern noch nie ein wirklich gutes Verhältnis gehabt und bin auch schon früh von zu Hause ausgezogen (mit 16). Es ist schon irgendwie komisch, weil ich mir früher oft gewünscht habe, adoptiert zu sein. Ich hatte oft das Gefühl, dass meine Eltern so anders sind als ich und dass es da draußen irgendwo zwei Menschen gibt, die so denken wie ich. Die vielleicht auch so aussehen wie ich. Und die sich vor allem so anfühlen, als ob sie meine Eltern seien.

Ich bin adoptiert.
Es ist schwierig für Kinder, wenn sie das Gefühl haben, dass sie ganz andere Menschen als ihre Eltern sind.

Bei meinen „Adoptiveltern“ (oh Gott, es ist so merkwürdig diesen Begriff jetzt zu verwenden) war es auf jeden Fall nie so. Seit ich denken kann, haben wir gestritten. Ich kann nicht mal wirklich sagen, über was wir gestritten haben. Weil sie eigentlich auch keine schlechten Eltern waren. Sie haben mir immer alles gegeben und mich gut behandelt. Gut, sie waren ein bisschen streng, aber ich nehme an das ist normal mit Eltern.

Die Beziehung zu den Adoptiveltern war nie besonders gut.


Aber irgendwie haben wir einfach nie eine gute Beziehung gehabt. Der Hauptgrund lag wahrscheinlich darin, dass sie nie mit meinem Umfeld zufrieden war. Immer musste ich mich rechtfertigen, warum ich mit solchen „Assis“ (so nannten sie meine Freunde) abhängen würde. Sie haben mir nie verziehen, dass ich so jung Mutter geworden bin (mit 18 Jahren) und die Ehe mit dem Vater des Kindes auch nicht unterstützt. Von dem bin ich nun allerdings geschieden, habe mit zwei anderen Ex-Freunden aber auch jeweils ein Kind.

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Aber ich will wie gesagt meine Eltern gar nicht so schlecht machen. Ich wüsste nicht, was ich jetzt ohne sie machen würde, sie unterstützen mich weiterhin finanziell und sind sehr liebevolle Großeltern für meine Kinder. Es hat halt immer nur irgendwie die Wärme und die gute Beziehung gefehlt.

Und dann die Überraschung: Ich bin adoptiert.


Und jetzt haben sie mir eben vor drei Tagen eröffnet, dass sie mich mit 1,5 Jahren adoptiert haben. Ich habe mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht, ob ich meine leiblichen Eltern überhaupt kennenlernen will, schließlich haben sie mich ja zur Adoption freigegeben. Aber die zu finden scheint ja heutzutage wohl nicht so schwer zu sein.

Ich bin eben nicht sicher, was mich erwartet. Ob ich wieder enttäuscht werde, ob es dieses Risiko wert ist. Auch meiner Kinder wegen, weil die ja wieder neue Großeltern hätten und dann vielleicht ganz verwirrt wären. Und eben auch ein bisschen wegen meinen leiblichen Eltern… Nach allem was sie für mich getan habe, will ich nicht undankbar sein.

Ich hoffe sehr, dass Du meine Nachricht veröffentlichst und mir weiterhilfst!

Viele Grüße aus Bonn,

Melanie

Liebe Melanie,

vielen Dank erstmal für Deine Nachricht. Ich kann mir vorstellen, dass das ein ganz schöner Schock war, als Deine Eltern Dir gesagt haben, sie seien nicht Deine leiblichen Eltern.

Zuerst einmal finde ich es ziemlich stark, dass Du – so schwierig das Verhältnis zu Deinen Adoptiveltern auch ist – sie hier nicht durch den Kakao ziehst, sondern zu schätzen weißt, was sie alles für Dich getan haben.

36 Jahre lang nicht zu wissen, dass man adoptiert wurde ist lang.


Aber natürlich gibt es auch diese andere Seite, diese persönliche Seite auf der sich von Ihrer Seite aus nicht viel getan hat. Natürlich kann man erstmal darüber debattieren, ob nicht 36 Jahre ein bisschen zu viel Zeit ist, bis man seinem Kind von einer Adoption erzählt.

Aber das ist hier nicht das Problem! Seien wir also froh, dass sie es Dir überhaupt erzählt haben. Denn es gibt viele Kinder, die ihr ganzes Leben bis ins hohe Alter nie erfahren, dass sie adoptiert sind. Und wenn sie dann mit 60 zufällig davon erfahren, ist es oft schon zu spät und die leiblichen Eltern leben nicht mehr.

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Nun aber zu Dir. Ich bin nicht ganz sicher, was Deine Frage ist, lese aber aus Deiner Mail heraus, dass es darum geht, ob Du Deine leiblichen Eltern suchen sollst oder nicht? Doch das kann ich Dir leider auch nicht sagen. Denn ich glaube, die Antwort dazu kannst nur Du selbst wissen.

Soll man sich auf die Suche nach den leiblichen Eltern machen, wenn man weiß, dass man adoptiert wurde?


Es gibt viele Menschen, die mit dieser Ungewissheit, ihre leiblichen Eltern nicht zu kennen nicht leben können. Die sich immerzu fragen, wie ihr Leben mit den leiblichen Eltern verlaufen wäre. Und die manchmal die leise Hoffnung haben, die wiedergefundenen, leiblichen Eltern könnten ihnen die glückliche Familie geben, die sie sich immer gewünscht haben. Und die dann möglicherweise enttäuscht werden, weil die leiblichen Eltern nicht so sind, wie sie sich das gewünscht hätten.

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Es gibt aber genauso viele Menschen, die damit sehr gut leben können, ihre leiblichen Eltern nicht zu kennen. Die ihren leiblichen Eltern nicht verzeihen können, dass diese sie weggegeben haben. Oder aber auch wissen, dass sie die Konfrontation mit den leiblichen Eltern zu sehr aufwühlen würde. Dass diese zu viele Fragen, zu viele Gefühle hervorrufen würde. Dass die Suche nach den leiblichen Eltern so viel aus der Balance bringen würde, dass das Leben danach chaotischer als davor ist. Aber wie ist es bei Dir?

Vorsicht: Wer sein Kind zur Adoption frei gibt ist nicht gleich ein schlechter Mensch.


Solltest Du Dich entscheiden, Deine leiblichen Eltern zu suchen, und sie dann auch finden, möchte ich Dir einen Ratschlag mit auf den Weg geben: Adoption ist nicht gleich Adoption. Oft ist dieses Thema sehr negativ behaftet, aber eigentlich die beste Entscheidung für ein Kind.

Kind ist adoptiert.
Dass eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigibt meist das beste für ihr Kind will, wird oft nicht gesehen.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein Kind zwingendermaßen seine leibliche Mutter braucht. Ein Kind braucht eine liebende Mutter. Mutter sein hat nichts mit Genen und DNA zu tun, Mutter sein ist ein Gefühl. Und diese Absicht, Dich in die Hände von liebenden Eltern zu geben, hatten Deine Eltern höchstwahrscheinlich, als sie Dich zur Adoption freigegeben haben. Deshalb würde ich Deinen leiblichen Eltern nicht mit einem Vorwurf im Hinterkopft gegenüber treten!

Vielleicht war es damals die beste Lösung für Dich. Vielleicht haben Deine leiblichen Eltern durch die Freigabe zur Adoption mehr Liebe gezeigt, als wenn sie Dich behalten hätten. Ich rede hier immer von Eltern – vielleicht war es ja aber auch nur Deine Mutter die diese Entscheidung gefällt hat. Alleine, weil kein Vater in Sicht war. Du siehst, es gibt viele mögliche Facetten! Solltest Du also Deine Eltern ausfinding machen, rate ich Dir: Höre Dir die Geschichte Deiner Eltern erst einmal an. Ohne Vorurteile, ohne Vorwürfe. Einen spannenden Blogbeitrag von Stadt Land Mama zu diesem Thema findest Du übrigens hier.

Mein Rat, wenn Du gerade herausgefunden hast, dass Du adoptiert bist: Nimm Dir Zeit, alles zu verarbeiten!


So, mit dieser geballten Ladung Ratschlägen begleite ich Dich nun also auf dem Weg zur richtigen Entscheidung. Lass die Situation jetzt erst einmal „sacken“ – am besten ein paar Wochen. Eine voreilige Entscheidung ist oft nicht die richtige und Du stehst unter keinerlei Druck, sofort eine fällen zu müssen. Noch ein Tipp: Du bist nicht die erste und einzige Person, die adoptiert wurde und sich mit den diesen Fragen beschäftigt. Andere, denen es genauso geht oder ging, findest Du in Foren, so wie zum Beispiel diesem Forum für Adoptierte. Hier kannst Du lesen, wie sich andere Adoptivkinder fühlen, Deine Fragen stellen und Dich mit anderen adoptierten Kindern austauschen – ich bin sicher, dass Dich auch das bei Deiner Frage weiterbringen wird!

Und noch ein Wort zu Deinen Adoptiveltern: Ich denke nicht, dass Du Ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen haben solltest. Sie wussten bei der Adoption, auf was sie sich einlassen und wenn es Dein Wunsch ist, Deine leiblichen Eltern zu suchen, dann müssen sie diesen Wunsch respektieren. Die Entscheidung, Deine leiblichen Eltern kennenlernen zu wollen heißt ja nicht gleich, dass Du Dich von Deinen “alten” Eltern lösen möchtest.

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Und zu Deinem Gedanken, Deine Kinder mit ihren leiblichen Großeltern zu sehr zu verwirren: Ich würde erst einmal alles für Dich selbst klären und Deine Kinder nicht mit reinziehen. Erst wenn Du weißt, was Du willst, würde ich Deine Kinder mit ins Boot nehmen. Sicher, Deine Kinder werden wahrscheinlich verwirrt sein, sollten sie dann irgendwann ihre leiblichen Großeltern kennenlernen – vor allem, wenn die Beziehung zu den Adoptiv-Großeltern sehr eng ist.

Aber: Mit der richtigen Vorbereitung und offenen Gesprächen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nur “mit einem Schrecken davonkommen”. Und die “alten” Großeltern sind ja (hoffentlich) nicht aus der Welt.

Ich wünsche Dir alles Gute!

Max

P.S. Schau Dir gerne auch die Mail von Susanne und Gerd an, die ihrem Sohn gesagt haben, dass er adoptiert ist – und die seitdem das Problem haben, dass ihr Kind aggressiv ist.

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