Familie, Trauer

Ich wünschte, ich könnte Adoption rückgängig machen.

Nadja hat vor zwei Jahren ihr Kind zur Adoption freigegeben. Doch die Zeiten haben sich geändert und sie wünschte, sie könnte die Adoption rückgängig machen. Lies jetzt, was Max rät.

Wenn man sein Kind weggegeben hat, bleibt häufig die Sehnsucht.

Hallo Max,

ich heiße Nadja und habe vor zwei Jahren mein neugeborenes Kind zur Adoption freigegeben und bin bis jetzt nicht drüber hinweggekommen. Ich vermisse meine Kleine so sehr, und bereue meine Entscheidung sehr.

Es gab einen Moment, da schien die Adoption die richtige Idee zu sein.


Damals war die Situation für mich und meinen Freund eine andere, wir hatten beide kein Geld und keinen Job, wir hielten es für das beste unsere Kleine zur Adoption freizugeben. Hätten wir damals doch nur mehr Vertrauen in uns selber und in die Zukunft gehabt, denn heute geht es uns gut, ich habe einen Ausbildungsplatz und mein Freund sogar einen richtigen Job. Wir könnten uns ein Kind leisten und ich bin mir mittlerweile sicher, dass die ganze Familie mithelfen würde, wenn es mal eng geworden wäre.

Der Gedanke, dass die Adoption nicht rückgängig zu machen ist, begleitet jeden Tag.


Mein Freund denkt ähnlich, allerdings sagt er, dass es damals die richtige Entscheidung war, und dass man sie jetzt nicht rückgängig machen kann, sondern nach vorne schauen soll. Er sagt, dass wir unserem Kind ein besseres Leben bieten wollten, und dass wir uns dafür keine Vorwürfe machen sollen.

Der Gedanke daran, wie das eigene Kind in einer fremden Familie aufwächst ist häufig sehr schmerzlich.

Ich habe eigentlich auch nicht wirklich ein schlechtes Gewissen bezüglich unserer Entscheidung, mir fehlt nur unser Kind so. Der Gedanke, dass sie bei einer anderen Familie aufwächst, wie sie lacht, wie sie die ersten Worte spricht, und das alles ohne uns tut mir unendlich weh. Ich denke jeden Morgen als erstes an sie, und sie begleitet mich durch den Tag. Immer wenn ich Kinder auf der Straße sehe, die in ihrem Alter sind, trifft es mich wie ein Stich ins Herz.

Mein Freund sagt, wir sollten jetzt wieder an uns denken, und versuchen, jetzt unsere eigene Familie zu gründen, aber ich fühle mich dazu nicht bereit. Ich will kein anderes Kind, ich will nur mein Kind. Ich hätte nur das Gefühl, dass es ein Ersatzkind wäre.

Max, ich weiß nicht was ich tun soll. Ich kann mein Kind nicht zurückbekommen, denn ich habe es zur Adoption freigegeben, für immer. Ich kann nur hoffen, dass sie sich irgendwann, wenn sie erwachsen ist, bei mir meldet. Aber mit diesem Verlust leben kann ich nicht.

Ich weiß einfach nicht weiter.

Nadja

Liebe Nadja,

vielen Dank für Deine sehr bewegende Nachricht – Du hast Deine Gefühle so gut beschrieben, dass ich doch glatt eine kleine Träne verdrückt habe. Denn die Situation in der Du Dich befindest, stelle ich mir tatsächlich sehr aufreibend vor.

Ich habe jetzt mal versucht, mich bei Google über Deine Rechte schlau zu machen, und es scheint so, als ob die Aufhebung einer Adoption nahezu unmöglich ist. Allerdings muss ich hier noch einmal ganz klar sagen, dass ich für eine Rechtsberatung nicht qualifiziert bin – und Dir diesbezüglich auch gar keinen Rat geben darf.

Viele Menschen, die ihr Kind zur Adoption freigegeben haben, denken immer wieder an ihr Kind.


Ich habe mich allerdings gefragt, wie es für Dich wäre, mit der Adoptivmutter Kontakt aufzunehmen. So habe ich schon gehört, dass die Adoptivmutter dann Bilder des Kindes an die biologische Mutter schickt und es sogar sporadischen “echten” Kontakt gibt.

Das scheint jedoch von der Art der Adoption abzuhängen – ob es eine offene, halb-offene oder inkognito Adoption war. Auch hier gilt wieder, dass ich keine professionelle Rechtsberatung bin und meine Infos selbst aus dem Internet habe. Ob solch eine Art des Kontakts also möglich ist, solltest Du wahrscheinlich erst einmal mit der Organisation klären, über die ihr die Adoption abgewickelt habt.

Die zweite Frage, die sich aufwirft ist, ob das in Deinem Fall überhaupt ratsam ist. Denn der Kontakt kann auf der einen Seite beruhigend sein, wenn man weiß, dass das Kind in guten Händen ist. Auf der anderen Seite können Bilder vom eigenen Kind aber auch die Sehnsucht verstärken und die Situation für Dich noch unerträglicher machen. Überlege Dir also sehr genau, ob es für Dich überhaupt gut wäre, diesen Schritt zu gehen. Und vor allem, was Du Dir davon erwartest – denn Dein Kind wirst Du dadurch nicht zurückbekommen.

Mein erster Impuls sagt mir, dass eine solche Kontaktaufnahme keine gute Idee ist – aber ich wollte Dir diese Möglichkeit nicht vorenthalten. Die Gefahr bei einer Kontaktaufnahme sehe ich, dass es noch schwerer wird, Dein Kind “gehen zu lassen” als es schon ist. Wenn es Dir auf der anderen Seite aber auch darum geht zu wissen, ob es dem Kind gut geht, kann ein solcher sporadischer Kontakt das Gewissen beruhigen.

Prinzipiell finde ich auch, dass Dein Freund mit seiner Herangehensweise an die Thematik recht hat. Ihr habt die mutige Entscheidung, Euer Kind zur Adoption frei zu geben damals in dem Wissen gefällt, dass ihr Eurem Kind eine bessere Zukunft beschert. Dass sich bei Euch selber die Dinge so schnell zum Guten wenden würden, damit konnte damals keiner rechnen…

Nun ist es jedoch oft einfach gesagt, dass man die Entscheidung und damit die Vergangenheit akzeptieren muss. Aber das ist es bei weitem nicht. Der Gedanke an Dein Kind ist omnipräsent und geht nicht weg. Auch Dein Gefühl, ein zweites Kind wäre nur ein Ersatzkind zeigt, wie sehr Du noch an Eurem Kind hängst. Ich finde es daher auch richtig, erst mal auf Dein Gefühl zu hören und kein zweites Kind zu planen. Denn wenn Du gedanklich und emotional noch so mit Eurem ersten Kind beschäftigt bist, dann kann ein zweites Kind gar nicht den Platz in Eurem Leben bekommen, den es eigentlich benötigt.

Die Schwierigkeit an Deinem Problem ist, dass ich Dir – so befürchte ich – hier über das Internet nicht auf die Schnelle weiterhelfen kann. Die Problematik sitzt so tief, dass ich denke, dass Du Dir über professionelle therapeutische Hilfe Gedanken machen solltest. Ich würde es daher als am hilfreichsten erachten, wenn Du einmal Deinem Hausarzt Deine Gefühle und Deine Traurigkeit schilderst, und mit ihm gemeinsam entscheidest, ob der Besuch bei einem Psychotherapeuten für Dich in Frage käme. Auch eine Beratungsstelle könnte eine erste gute Anlaufstelle für Dich sein.

Außerdem habe ich kurz einmal im Internet den Begriff „Herkunftsfamilie“ gegoogelt, und bin dort auf Anhieb auf mehrere Foreneinträge und Hinweise auf Gesprächsgruppen gestoßen. Ich könnte mir vorstellen, dass solch ein Austausch mit anderen Betroffenen Dir auch weiterhelfen könnte. Wie Du Dich aber auch entscheidest, ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute!

Sei umarmt,

Dein Max

Wichtiger Hinweis: Die auf www.Hallo-Max.de verfügbaren Artikel wurden zu rein informativen Zwecken online gestellt. Sie ersetzen weder eine rechtliche Beratung durch einen Fachmann noch eine psychologische Beratung, Behandlung oder Untersuchung durch einen Fachmann. Beachtet bitte hierzu auch den Haftungsausschluss bei rechtlichen Themen sowie den Haftungsausschluss bei psychologischen Themen.

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