Familie

Von Adoption erzählt: Unser Kind ist aggressiv.

Susanne und Gerd haben ihrem Sohn gesagt, dass er adoptiert ist. Die Reaktion: Ihr Kind ist aggressiv, kaum noch erreichbar für die beiden und droht abzurutschen. Jetzt fragen sie Max, was sie tun können.

Kind ist aggressiv und zieht sich zurück.
Die Erkenntnis, dass die eigenen Eltern gar nicht die leiblichen Eltern sind kann zu Wut und Enttäuschung führen.

Lieber Max,

ich schreibe Dir, weil wir am Ende unseres Lateins angekommen sind. Mein Mann und ich, wir wissen nicht mehr weiter. Seit wir unserem 16jährigen Sohn Andreas (um ihn zu schützen, nenne ich nicht seinen richtigen Namen) erzählt haben, dass wir nicht seine leiblichen Eltern sind, ist er wie ausgewechselt.

Kind ist aggressiv – und wir machen uns große Sorgen


Er lässt sich nichts mehr von uns sagen, ignoriert alle Regeln. Er streitet viel mit uns, verheimlicht Dinge und ist plötzlich sehr aggressiv. Aber er ist auch in der Schule abgesackt, isoliert sich komplett von uns und hat auch den Kontakt zu seinen alten Freunden abgebrochen. Stattdessen hängt er jetzt mit älteren Jugendlichen rum, die wir noch nie davor gesehen haben.

Neue Freunde sind schlechter Umgang


Mein Mann und ich bekommen das natürlich nur am Rande mit, aber es scheint so, als ob in diesem neuen Freundeskreis viel getrunken und geraucht wird. Auch der Umgangston ist wesentlich rauer, wenn einer seiner Freunde bei uns auf dem Festnetzanschluss anruft, gibt es kein „Guten Tag Frau XX, ich hätte gerne ihren Sohn Andreas gesprochen“ mehr. Ab jetzt gibt es nur noch „Hallo. Ich will mit Andreas sprechen“. Außerdem haben wir über eine Bekannte erfahren, dass diese Gruppe von Jugendlichen in der Stadt schon einschlägig bekannt ist. Diese „Gang“ war wohl schon in etliche Schlägereien verwickelt und ist polizeibekannt. Dieser Umgang besorgt uns natürlich, denn Andreas hat nie Ärger mit der Polizei gehabt.

Kind ist aggressiv und zeigt die Faust.
Eigene Probleme werden oft mit Aggression anderen gegenüber verarbeitet.

Natürlich machen wir uns jetzt Sorgen, dass diese älteren Jugendlichen seinen gerade sehr fragilen Zustand ausnutzen, und ihn zu Dingen animieren, die gar nicht zu ihm passen. Er verbringt nun schon seit mehr als drei Monaten viel Zeit mit dieser Gruppe (von der Adoption haben wir ihm ungefähr vor einem halben Jahr erzählt) und es sieht nicht so aus, als ob er wieder in seinen alten Freundeskreis zurückkehrt.

Auch die schulischen Leistungen werden schlechter


Es ist aber wie gesagt nicht nur sein neuer Freundeskreis, der uns Sorge macht. Zudem kommt noch die Sorge um seine schulischen Leistungen, die kontinuierlich schlechter werden. Jetzt redet er sogar schon davon, die Schule ganz abzubrechen. Dabei war es immer sein Wunsch, zu studieren und eines Tages Lehrer zu werden!

Auf die Erkenntnis, dass das Kind adoptiert ist, reagieren viele mit Aggression.
Für Paare mit unerwünschtem Kinderwunsch ist eine Adoption eine tolle Möglichkeit, um doch noch eine Familie zu gründen.

Mein Mann und ich sind schon etwas älter, und Andreas war ein absolutes Wunschkind. Wir haben jahrelang versucht, selber Kinder zu bekommen, was aufgrund einer Krankheit meinerseits nicht geklappt hat. Irgendwann haben wir uns dann zur Adoption entschieden, und unseren Andreas adoptiert. Es ist furchtbar für uns mit anzusehen, wie er sich von uns distanziert. Für uns ist er unser Sohn, egal was die DNA sagt. Wir haben beide nicht nur fürchterliche Angst davor, dass sich sein Gefühl uns gegenüber ändert, sondern auch, dass er uns nun gänzlich entgleitet.

Was können wir machen, um ihn von seinen falschen Freunden wegzuholen und in sein altes Leben zurückzuholen?

Mit freundlichen Grüßen,

Susanne und Gerd

Liebe Susanne, Lieber Gerd,

vielen Dank für Euren Brief und Euer Vertrauen in dieser schwierigen Zeit! Denn wenn sich der Sohn plötzlich abwendet dann ist das für keine Eltern auf dieser Welt einfach.

Die Information, dass Euer Kind adoptiert ist bringt erstmal einiges durcheinander


Ich könne mir vorstellen, dass sich das Leben von Andreas mit dieser neuen Erkenntnis einmal komplett gedreht hat und er gerade gar nicht weiß, zu wem er überhaupt gehört. Denn den Andreas, den seine (alten) Freunde kannten, gibt es nicht mehr. Die Eltern von denen er dachte, sie hätten ihn gezeugt und geboren, gab es nie. Das alles muss erst einmal verarbeitet werden. Und dass er sich in dieser Zeit von den Eltern lösen will, erscheint so erstmal verständlich.

Ich könnte mir vorstellen, dass für ihn jetzt andere Dinge als Schule anstehen. Nämlich die eigene Identität neu zu ordnen – jetzt wo die Sicherheit zu wissen, wo man herkommt auf den ersten Blick weggebrochen ist. Und dieses “Neu-Ordnen” geht oft besser mit Menschen, die einen im Vorfeld nicht kannten. Denn in einem neuen Umfeld hat man die Möglichkeit, sich noch einmal komplett selber neu definieren zu können.

Wichtige Wahrheiten können erst einmal destabilisieren


Die Gefahr, dass er sich von seiner neuen Clique zu Dummheiten hinreißen lässt ist natürlich gegeben. Es ist eine turbulente Phase für ihn und er ist damit natürlich anfälliger dafür Dinge zu machen um dazu zugehören, die er vielleicht davor nicht gemacht hätte. Aber dieses Verhalten ist für mich erst einmal gut nachvollziehbar. Denn er ist nun im Umbruch, sein ganzes Weltbild ist durcheinander geraten. Der Blick auf die Zukunft und die Vergangenheit ändert sich. Er muss erst wieder seinen Weg finden. Und das wird Zeit dauern. Zeit, die ihr ihm geben solltet.

Wenn dem Kind die Adoption mitgeteilt wird, ist die Unterstützung von der Familie wichtig.
Das Gefühl, unterstützt zu werden ist in schwierigen Situationen besonders wichtig.

Aber Zeit geben heißt hier nicht, ihn einfach nur in Ruhe zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass er sich gerade sehr einsam fühlt, und genau da solltet ihr ansetzen. Zeigt ihm, dass ihr ihm in dieser schweren Zeit beisteht, dass Ihr seine Eltern seid und ihn nicht alleine lasst. Dass er sich trotz der neuen Umstände auf Euch verlassen kann. Aber auch, dass ihr seinen neuen Weg, seine neue Entwicklung akzeptiert. Zeigt ihm, dass ihr an Eurer Beziehung arbeiten und sie wieder verbessern wollt. Ich weiß, Euer Kind ist aggressiv gerade, das macht die Sache nicht leichter für Euch – aber einen bzw. mehrere Versuche ist es definitiv wert!

Euer Kind ist aggressiv – und das darf erstmal auch so sein


Gründe dafür, dass Euer Kind aggressiv ist Euch gegenüber gibt es viele und es ist schwer, eine pauschale Antwort für alles zu finden. Aber ich denke, dass es verständlich ist, dass ein Kind erst einmal auch aggressiv auf die Eltern reagiert, wenn solch ein “Geheimnis” gelüftet wird. Es ist gut möglich, dass er sich belogen vorkommt – auch wenn das nie Eure Intention war. Denn die Entscheidung, Eurem Sohn die Wahrheit zu sagen finde ich persönlich richtig – auch wenn zu diesem delikaten Thema jeder seine eigene Meinung haben darf. Auch wenn eine solche Wahrheit erst einmal die Beziehung und das Vertrauen erschüttert, denke ich, dass es diese auf die Dauer stärken wird.

Wenn das Kind aggressiv ist, hilft oft ein Gespräch.
Jemandem die Wahrheit zu sagen ist oft schwer – aber meistens die beste Entscheidung.


Abschließend rate ich Euch, vielleicht doch einmal den Weg zu einer Beratungsstelle in Betracht zu ziehen. Das kann zum Beispiel eine Beratungsstelle für Familien oder auch Erziehung sein. Denn dort hat man Erfahrung mit solchen Fällen und kann gemeinsam darüber sprechen, was jetzt helfen würde. Ein solches Gespräch könnt Ihr gemeinsam mit Eurem Sohn führen oder erst einmal auch alleine. Adressen, wo es solche Beratungsstellen von der Caritas gibt, findet ihr, wenn ihr den Link klickt. Vielleicht hilft Euch auch mein Artikel über Daniela weiter, die Angst davor hat, dass ihr Sohn abrutscht.

Ich wünsche Euch allen alles gute auf diesem Weg!

Seid gedrückt,

Euer Max

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