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Panikattacken nach Unfall: Ich brauche Hilfe!

Joey (15) ist Zeuge geworden, wie seine Familie in einen schweren Autounfall verwickelt wurde. Seitdem ist nichts mehr, so wie es mal war und er merkt: Ich brauche Hilfe!

Ein Krankenwagen kommt, wenn man merkt: Ich brauche Hilfe.
Nach einem schweren Autounfall brauchen manchmal nicht nur die Opfer, sondern auch die Zeugen Hilfe.


Hallo Max,

mein Name ist Joey und ich werde bald 15. Ich habe jetzt bereits seit über einem Jahr mit einem Problem zu kämpfen.

Die Sommerferien letztes Jahr waren die schlimmsten meines Lebens. Als ich bei meiner Tante (verheiratet, drei Kinder) eine Woche lang zu Besuch war, hatten wir vor, zu meiner anderen Tante zu fahren, aber ich musste noch dringend einkaufen, also fuhr ich nicht mit.

Ein Unfall – und das ganze Leben ändert sich


Als ich dann, nach dem Einkauf, an einer Kreuzung stand, musste ich mit ansehen wie meine Tante, mein Onkel und ihre drei Kinder Janine, Dommi und Theo (die ebenfalls nach Hause kamen) von einem betrunkenen Autofahrer gerammt wurden. Der Wagen kam ins Schleudern, überschlug sich und krachte seitlich mit voller Wucht gegen eine Eiche….ich war mir so sicher, dass ich gerade mit ansah wie sie starben. Sie waren bewusstlos (bis auf meine Cousine Janine… sie ist 9) oder tot und da strömte eine so unglaublich Menge an Blut aus dem Auto.

Ich war ganz alleine an dieser Kreuzung. Nachdem ich den Notruf gewählt habe, habe ich versucht Janine rauszuholen und irgendwie die Blutung von meinem Cousin Dommi (17) zu stoppen bis der Krankenwagen eintraf.

Ich bin verletzt - ich brauche HIlfe.
Je nach Schwere der Verletzung werden Unfallopfer auch im Krankenhaus behandelt.

Meine Tante, mein Onkel und Janine hatten nur leichte Verletzungen. Mein Cousin Theo (12) musste operiert werden und Dommi ebenfalls, er verlor jedoch eine Niere. Außer meinem Onkel und natürlich Janine, die die ganze Zeit bei Bewusstsein war, haben nur noch ich Erinnerungen an den Unfall… Gott sie ist erst 9!

Der Unfall war schlimm – aber die Zeit danach ist es auch.


Seitdem ist ein Jahr vergangen, meine Familie scheint jetzt mittlerweile klar zu kommen, sogar Janine. Ich wünschte ich könnte das auch. Ich ertrage es nicht Auto zu fahren, ich habe es mehrmals versucht, doch ich bekam immer wieder eine Panikattacke. Noch heute wache ich Nachts auf, weil ich dieses Geräusch vom Aufprall höre. Permanent habe ich Angst um meine Familie, weil ich denke es könnte uns alles mögliche treffen.

Es gibt niemanden, der bei der Verarbeitung helfen kann


Meine Mutter versucht mir so gut es geht zu helfen, aber ich kann einfach nicht mit ihr darüber reden ohne dass sie in Tränen ausbricht.
Mit meiner Tante, meinen beiden Cousins kann ich auch nicht darüber reden sie haben ja nicht mal eine Erinnerung daran. Janine will ich das nicht antun und mit meinem Onkel verstehe ich mich nicht sonderlich gut.

Es hört einfach nicht auf – ich brauche Hilfe


Ich wünsche mir einfach nur das, dass alles nur endlich aufhört, wenn etwas runterfällt und zerbricht denke ich wieder an den Unfall, wenn ich meine Hände ansehe sehe ich das Blut von Dommi. Es geht nun schon ein Jahr so, ich weiß nicht warum meine Familie das so viel besser verkraftet als ich.

Was soll ich nur tun? Ich kann so einfach nicht mehr weiter leben.

Dein Joey

Lieber Joey,

vielen Dank für Deine Mail und die Geduld bis zur Beantwortung!

Die Vorkommnisse des letzten Sommers hören sich wirklich schlimm an – ich habe beim Lesen der Mail Deine Todesangst um Deine Familie wirklich gut nachfühlen können. Und ich finde es sehr stark, dass Du gemerkt hast: Ich brauche Hilfe. Denn es ist verständlich, dass man mit einem solchen Erlebnis nur schwer alleine umgehen kann.

Bevor man merkt, ich brauche Hilfe, fühlt man sich oft alleine.
Manchmal fühlt es sich an, als ob man auf der Straße des Lebens ganz alleine unterwegs sei.

Oft kann man als Kind oder Jugendlicher sich in einer solchen Situation dann an die Erwachsenen wenden und seine Sorgen besprechen. Wenn das aber mal nicht geht, kann man sich schnell ganz schön einsam und alleine fühlen. Das heißt aber nicht, dass es nicht jemand anderen gibt, der Dir in Deiner Situation helfen kann. Denn es kann oft ungemein helfen, dass man nach traumatischen Erfahrungen so wie Deiner jemanden hat, mit dem man darüber reden kann. Oft fällt einem die Verarbeitung der Ereignisse so einfach viel leichter.

Die Tatsache, dass Dich der Unfall nun schon seit über einem Jahr beschäftigt, zeigt mir, wie ernst deine Situation ist und dass es gar nicht so leicht ist, aus dieser Spirale bzw. diesem Loch wieder rauszukommen. Deshalb will ich versuchen, Dir hier ein paar Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Du jetzt Unterstützung finden kannst.

Wenn Du merkst “Ich brauche Hilfe”, dann ist es wichtig zu wissen, wo man diese findet


Mein erster Gedanke ist, dass Du Dich noch einmal mit Deinen Eltern zusammensetzen solltest. In einem solchen Gespräch sollte es gar nicht so sehr um die Vorkommnisse von damals im Detail gehen, denn Du hattest ja geschrieben, dass es Deiner Mutter schwer fällt, darüber zu reden. Das Gespräch sollte stattdessen davon handeln, wie schwer Du Dich mit den Folgen dieser Situation tust – und dass Du Hilfe brauchst, den Unfall zu verarbeiten. Konkret denke ich bei dieser Hilfe an eine Psychotherapie bei einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Für viele Menschen mit einem Problem hört sich eine Psychotherapie jedoch oft ernster an, als sie tatsächlich ist. Dabei geht es hier darum, in einer geschützten Atmosphäre zum Beispiel über das Erlebte zu reden, aber auch einfache Techniken zu erlernen, mit denen Du mit dem Erlebten umgehen kannst um dein Leben wieder ganz normal zu führen – ohne Panikattacken, permanente Angst, usw.

Ein Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut kann helfen


Da ich leider nicht weiß, in welcher Stadt Du wohnst, kann ich dir keine Adressen nennen, an die Du Dich wenden könntest. Allerdings kannst du gemeinsam mit deinen Eltern die richtigen Adressen leicht auch selbst herausfinden – zum Beispiel über das Internet. Konkret würde ich Euch raten, nach Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deiner Stadt zu googeln. Eine Seite, die Du bei Deiner Suche außerdem nutzen kannst findest Du unter diesem Link.

Ich brauche Hilfe - aber manchmal muss man trotzdem warten.
Bei Psychotherapeuten gibt es oft lange Wartelisten.

Es ist allerdings so, dass Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeuten häufig über lange Wartelisten verfügen. Daher möchte ich auch noch eine zweite Möglichkeit nennen, wo Du kurzfristig HIlfe bekommst: Nämlich bei einer Beratungsstelle für Unfallopfer, wo man Rat finden und auch helfende Gespräche führen kann. Um herauszufinden, wo sich eine solche Beratungsstelle in Deiner Nähe befindet – oder auch eine Stelle, die nicht auf Unfallopfer spezialisiert ist, Dir aber trotzdem helfen kann – empfehle ich Dir, Dich unter diesem Link an Subvenio zu wenden. Subvenio ist eine Beratungsstelle für Unfallopfer.

Der erste Schritt muss gar nicht ein persönliches Gespräch sein – eine E-Mail geht auch


Solltest Du jedoch die Hilfe deiner Eltern nicht in Anspruch nehmen wollen, kannst du natürlich auch alleine und ohne Deine Eltern diese einen Psychotherapeuten oder eine Beratungsstelle kontaktieren. Falls Du dich unwohl fühlst, dort anzurufen, könntest Du dir auch erstmal über das Internet die richtigen E-Mail Adressen heraussuchen, und eine per E-Mail hinschreiben.

Außerdem fällt mir gerade noch ein, dass es in Schulen oft Vertrauenslehrer gibt, mit denen man über solche Probleme reden kann und die einem dabei helfen, die richtige Hilfe zu bekommen. Frag doch einfach mal deinen Klassenlehrer nach Eurem Vertrauenslehrer. Und zu guter Letzt gibt es auch noch den Hausarzt, dem Du Deine Probleme schildern kannst und der Dich dann an den richtigen Ansprechpartner weiterleitet.

Jetzt ganz wichtig: “Ich brauche Hilfe” sollte zu “Ich hole mir Hilfe” werden


Lieber Joey, ich hoffe, ich konnte Dir jetzt ein bisschen helfen. Ich habe Dir ja einige Möglichkeiten aufgezeigt, wie Du die richtige Hilfe bekommen kannst – am besten entscheidest Du Dich für den Weg, mit dem Du Dich am wohlsten fühlst. Wichtig ist, dass Du weißt, dass es auch anderen jungen Menschen nach einem traumatischen Ereignis wie dem deinigen oft so geht wie dir. Und dass es auch andere gibt, die sich in solchen Situationen Hilfe suchen – das ist völlig normal und verständlich.

Ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft – und wenn Du noch irgendwelche Fragen hast, kannst Du mir sehr gerne noch einmal mailen.

Sei feste gedrückt,

Dein Max

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