mein Name ist Adrian und ich bin 38 Jahre alt. Als ich im Internet auf der Suche nach Ratschlägen für Menschen, die bei der Arbeit gemobbt werden war, bin ich auf Deine Seite gestossen. Ich möchte Dir sagen, dass ich die Seite ganz toll finde und sicher bin, dass Du schon vielen Menschen geholfen hast.
Ich habe gesehen, dass Du schon einmal eine Frage zum Thema Mobbing beantwortet hattest, aber da meine Situation ein bisschen anders ist (anderes Arbeitsumfeld) stelle ich meine Frage trotzdem.
Ich bin beruflich in der Bauwirtschaft tätig, genauer gesagt als Bauleiter. Das heisst, dass ich auf sehr grossen Baustellen den Kontakt mit den Arbeitern halte und dafür sorge, dass alles richtig gemacht wird und reibungslos über die Bühne geht. Dieser Job ist eigentlich ein Traumjob für mich, wenn mich nicht anderen Arbeiter diskriminieren würden. Denn ich bin schwul und nicht bereit, das zu verstecken.
Und so kommen öfters mal blöde Kommentare wie „Ist das überhaupt der richtige Platz hier für eine Dame wie dich“ usw. Das sind Kommentare, die mich innerlich sehr verletzen, äusserlich lasse ich mir nichts anmerken und mache meine Arbeit gut. Dafür werde ich von meinen Chefs auch sehr geschätzt.
Aber diese Alltagsbelastung knabbert schon sehr an mir. Anfangs dachte ich noch, das würde bei der nächsten Baustelle anders werden. Aber schnell habe ich herausgefunden, dass Baustellen zwar immer wieder wechseln, aber Bauarbeiter und Handwerker kennen sich halt untereinander, und so macht das Gerücht bzw. die Tatsache meiner sexuellen Orientierung immer wieder schnell die Runde und die ganze – pardon – Scheisse geht wieder von vorne los.
Die Frage, die ich mir jetzt stelle ist, ob ich den Beruf wechseln soll. Ich könnte in der Branche auch in anderen Bereichen beruflich Fuss fassen, das wäre kein Problem. Aber ich mache meinen Job gerne und gut und wenn es nicht manchmal diese Kommentare gäbe, würde ich auf keinen Fall überlegen zu wechseln. Ich bin fast schon selber sauer auf mich, dass ich das alles so an mich heranlasse. Denn von den 30-40 Arbeitern mit denen ich zu tun habe sind es sowieso maximal ein oder zwei, von denen ich mir solche Kommentare gefallen lassen muss. Der Rest hält sich Gottseidank zurück. Aber auch wenn es nur diese ein, zwei Leute sind, trifft es mich trotzdem hart.
Ich fühle mich wie in der Schule, wo ich auch schon aufgrund meiner etwas femininen Art gemobbt wurde.
Was hältst du von meiner Situation?
Adrian
Lieber Adrian,
vielen Dank für Deine Nachricht! Denn diese Nachricht behandelt zwei Themen, die weiterhin brandaktuell sind. Auf der einen Seite sprichst Du das Thema „mobbing“ an, von dem in Deutschland viele Menschen betroffen sind. Du bist nicht der einzige und es ist richtig und wichtig, dass Du überlegst wie Du die Situation ändern kannst. Wie Du bereits erwähnt hast, habe ich zu diesem Thema bereits einmal einen Beitrag beantwortet, und zwar den von Susanne, die aufgrund ihres Gewichtes bei der Arbeit gemobbt wird.
Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Diskriminierung aufgrund Deiner Homosexualität. Auch dieses Thema ist hochaktuell in Deutschland, denn weiterhin sind viele Mitglieder der Lesbian-Gay-Bi-gender-and-Transsexual (LGBT) Gemeinschaft von Diskriminierung betroffen.
Es ist also vollkommen okay, dass Du mir schreibst, denn jede Situation hat ja schliesslich seine eigenen Ecken und Kanten.
Zuerst einmal möchte ich Dir gratulieren, dass Du den Job bis jetzt durchgezogen hast, und den täglichen/ wöchentlichen Schikanen tapfer stand hältst. Es ist nie leicht, zum Anderssein zu stehen. Und auch Homosexualität ist in unserer Gesellschaft noch nicht überall akzeptiert. Und wahrscheinlich hast Du Dir mit dem Baugewerbe ein Gewerbe ausgesucht, dass – zumindest dem Ruf nach – noch ein klein bisschen intoleranter ist als der Rest der Gesellschaft. Meiner Vermutung nach geht es einfach viel Männlichkeit und Muskeln, sehr heterosexuelle Themen mit denen Du im Büroalltag in einer Bank so wahrscheinlich nicht konfrontiert wärst.
Lösungen sehe ich selber auch nicht viele, wobei ich natürlich auch kein Spezialist auf diesem Gebiet bin. Dich an höhere Institutionen, wie Deinen Betriebsrat zu wenden macht meiner Ansicht nach in Deinem Fall wenig Sinn, denn dem unterstehen die Handwerker, die auf Deiner Baustelle arbeiten ja nun nicht. Vielleicht kann Dir aber im persönlichen Gespräch auch einer Deiner Vorgesetzten doch noch eine andere Lösung aufzeigen.
Es stellt sich trotzdem die Frage, ob Du den Belastungen stand halten kannst und für Dich selber einstehen kannst, oder ob ein Stellenwechsel die beste Lösung ist. Und da musst Du einfach ganz genau auf Dein Inneres hören. Versuche Dir so gut wie möglich vor Augen zu führen, welchen Stelllenwert diese Schikanen für Dich haben. Und in wie weit sie Dein Leben negativ beeinflussen. Und in wie weit Du diese Schikanen ertragen kannst. Ein Tipp wäre, für die Entscheidungsfindung jeden Abend eine kleine Liste mit Pro’s und Contra’s (für den Job) zu machen, die so über den Tag verteilt aufgetreten sind. Und am Ende der Woche könntest Du mal einen Blick drauf werfen, Dich gedanklich in die einzelnen Situationen zurückversetzen und dann zwischen „bleiben“ und „gehen“ abzuwägen.
Ich rate Dir, bei Deiner Entscheidungsfindung nicht zu unterschätzen, dass Du einen „Notausgang“ hast, und zwar einen – wie Du schreibst – sicheren Job in einem anderen Bereich. Diese Option haben nicht viele in ähnlichen Situationen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie Dir viel Sicherheit gibt. Dennoch sollte Dich dieser Notausgang nicht davon abhalten, irgendwann auch einen Schlussstrich zu ziehen – falls notwendig.
Lieber Adrian, ich wünsche Dir alles Gute bei Deinem Job und hoffe, dass Du die für Dich richtige Entscheidung findest.
Dein Max
Lieber Adrian,
so ein Job erfordert viel Mut! Toll, dass du es bis hierhin geschafft hast. Ich drücke dir die Daumen, dass du weiterhin deinen traum leben kannst!
Ramoncito