Familie, Homosexualität

Mein Sohn ist schwul – aber ich darf es nicht wissen!

Lange hat Beate gespürt, dass ihr Sohn etwas verheimlicht. Jetzt ist sie auf sein Geheimnis gekommen: Er ist schwul – aber er erzählt es ihr einfach nicht!

Die Regenbogenflagge ist ein Symbol der Schwulenbewegung.
Die Regenbogenflagge ist ein Symbol der Homosexuellenbewegung


Hallo Max,

ich habe jetzt schon ein paar Deiner Beiträge gelesen, und dachte mir dass ich Dir jetzt einfach auch mal schreibe! Vielleicht hast Du ja auch für mich einen guten Ratschlag!

Mein Anliegen betrifft meinen Sohn, der 43 Jahre alt ist und in den letzten Jahren auf mich sehr unglücklich gewirkt hat. Das Problem war und ist, dass er nicht mit mir darüber spricht. Wir haben eigentlich ein super Verhältnis, telefonieren täglich und sehen uns auch mindestens einmal die Woche. Aber wenn ich ihn darauf anspreche, wenn ich zu ihm sage „Du siehst so unglücklich aus, was ist es denn?“, dann weicht er mir aus. Als Mutter habe ich aber immer gesehen, dass ihn etwas bedrückt und es hat mir keine Ruhe gelassen, ihn so zu sehen.

Die Sorge um den Sohn führt zu ungewöhnlichen Maßnahmen


Da das jetzt schon seit mindestens zwei Jahren so läuft, war ich in der Zeit natürlich nicht untätig. Sprich, ich habe versucht herauszufinden, was mit ihm nicht stimmt. Denn wenn er es mir nicht sagen will, dann muss ich das Rätsel wohl selber lösen.

Ich habe also an den verschiedensten Punkten angefangen, habe mal einen kleinen Blick auf die Kontoauszüge geworfen, ob Geldprobleme dahinter stecken. Oder habe bei einem Abendessen mit seinen Freunden bei ihm zu Hause versucht herauszufinden, ob eine Frau dahinter steckt. Aber es ist nichts dabei rausgekommen, ich habe einfach absolut gar nichts gefunden. Das einzige was mir aufgefallen ist, ist dass er mit seinen Freunden viel unbeschwerter ist, als mit mir!

Dass ich nichts gefunden habe, hat mich auf der einen Seite natürlich ganz froh gemacht, dass es keine Probleme mit Frauen oder Geld etc. gibt. Aber auf der anderen Seite habe ich mir natürlich nur noch mehr Sorgen gemacht. Er ist ja nun mein einziger Sohn!

Hat der schwule Sohn einen Partner?
Manche Menschen halten Ihre Beziehungen geheim

Vor zwei Monaten habe ich ihn dann allerdings abends zufällig zusammen mit einem Freund auf der Strasse gesehen. Also so sah es zumindest am Anfang aus. Er hatte mich nämlich nicht gesehen, und da ich noch Zeit hatte, bin ich den beiden ein bisschen hinterher gelaufen. Und dann habe ich tatsächlich gesehen, wie die beiden sich geküsst haben. Nicht nur so auf die Backe, sondern richtig auf den Mund! Und nicht nur kurz, sondern lang.

Ich bin zwar keine 30 mehr, aber auch ich kann noch urteilen, wo Freundschaft aufhört, und Liebe anfängt. Und das war Liebe!

Mein Sohn ist schwul – und jetzt?


Und seit diesem Zeitpunkt bin ich jetzt ziemlich sicher, dass mein Sohn schwul ist. Dass es dieses Geheimnis ist, das er vor mir verheimlicht. Und jetzt kommt mein eigentliches Problem. Wie bringe ich meinen Sohn dazu, mit mir darüber zu reden? Ich verstehe einfach nicht, warum er mir das nicht erzählt. Ich habe mich im Internet ein bisschen eingelesen und das am meisten verbreitete Problem bei schwulen Männern scheint zu sein, dass sie glauben ihre Eltern würden das nicht akzeptieren.

Aber ich bin doch kein Monster! Ich bin zwar über 70 und in einer anderen Zeit aufgewachsen. Aber das heißt ja nicht, dass ich kein Verständnis dafür habe, dass mein Sohn schwul ist. Was kann ich tun?

Kannst Du mir einen Rat geben?

Beate

Liebe Beate,

vielen Dank für Deine Nachricht! So wie Du schreibst, bedeutet Dir Dein Sohn sehr viel. Und es freut mich, dass Ihr bis heute eine so enge und innige Beziehung habt.

Es wurde eine Grenze überschritten


Aber ich muss schon gleich hier einsetzen und Dir sagen: Nur weil einem jemand viel bedeutet und man eine enge Beziehung hat, darf man nicht dessen Grenzen überschreiten – denn jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre. Und diese Grenze hast Du überschritten, als Du begonnen hast, ihm hinterherzuspionieren. Dein Sohn ist kein Rätselspiel! Er ist ein erwachsener Mann.

Auch Du als Mutter musst akzeptieren, dass es Dinge gibt, die er nicht mit Dir teilen will. Und das bedeutet nicht, dass er Dich „weniger liebt“ oder Dich anlügt. Sondern wahrscheinlich nur, dass er (im Moment) nicht bereit ist, diesen Aspekt seines Lebens mit Dir zu teilen.

Das Outing vor den Eltern macht oft ganz schön Angst


Du schreibst, er wirke auf Dich unglücklich, sei in Gegenwart seiner Freunde aber unbeschwert. Das könnte natürlich wirklich darauf hinweisen, dass seine Niedergeschlagenheit nur im Zusammenhang mit Dir auftritt und sein Problem etwas mit Dir zu tun. Dafür kann es allerdings 1000 Gründe geben. Natürlich kann es – wie von Dir vermutet – sein, dass er Angst hat, dass sich Eure Beziehung bei einem Outing verändert.

Denn manche Eltern gehen mit einem Outing nicht so um, wie man es sich als Sohn vielleicht wünschen würde. Sie reagieren oft verstört oder gar negativ und wissen nicht, wie sie damit umgehen soll. Dieses Versteckspiel kann sehr belastend sein und ja, das könnte der Grund dafür sein, dass er vor Dir so unglücklich wirkt.

Was tun, wenn der Sohn schwul ist?


Aber sein Problem könnte natürlich auch ein anderes sein. Und daher denke ich, dass es das Beste ist, weiter etwas Geduld zu beweisen und abzuwarten, bis er sich Dir öffnet. Solltest Du das Warten allerdings nicht aushalten, könntet Du ihm erst einmal sehr, sehr vorsichtig Deine positive und akzeptierende Einstellung zu Homosexualität vermitteln.

Manchmal braucht es Zeit, bis der Sohn von seiner Homosexualität erzählt.
Manchmal hilft es, dem anderen Zeit zu geben.


Du könntest ihm von einer Fernsehsendung oder einem Film mit einem schwulen Mann berichten, der Dir sehr gut gefallen hat. Du könntest ihm durch einfach Aussagen wie “Homosexualität ist ja heutzutage kein Problem mehr, finde ich“ bedeuten, dass er keine Angst vor Deiner Reaktion haben muss. Natürlich müsste das sehr vorsichtig sein. Denn sollte er herausfinden, dass Du von seiner versteckten sexuellen Orientierung weißt, könnte er – mit Recht – annehmen, Du hättest ihm hinterherspioniert und sich darüber ärgern.

Das ist aber erstmal nur ein Vorschlag und ich bin gar nicht so sicher, ob er in Eurer Situation passt – denn auch mit so einer Aussage könnte er sich unter Druck gesetzt fühlen, sich Dir zu offenbaren. Wenn Du also etwas in diese Richtung wagst – tu es, ohne eine direkte Reaktion zu erwarten und hab erstmal keine großen Erwartungen. Denn wie gesagt: Zeit heißt der Schlüssel.

Ich wünsche Dir alles Gute und schicke Dir viele liebe Grüsse,

Dein Max

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