ich heiße Nadja und habe vor zwei Jahren mein neugeborenes Kind zur Adoption freigegeben und bin bis jetzt nicht drüber hinweggekommen. Ich vermisse meine kleine so sehr, und bereue meine Entscheidung sehr.
Damals war die Situation für mich und meinen Freund eine andere, wir hatten beide kein Geld und keinen Job, wir hielten es für das beste unsere Kleine zur Adoption freizugeben. Hätten wir damals doch nur mehr Vertrauen in uns selber und in die Zukunft gehabt, denn heute geht es uns gut, ich habe einen Ausbildungsplatz und mein Freund sogar einen richtigen Job. Wir könnten uns ein Kind leisten und ich bin mir mittlerweile sicher, dass die ganze Familie mithelfen würde, wenn es mal eng geworden wäre.
Mein Freund denkt ähnlich, allerdings sagt er, dass es damals die richtige Entscheidung war, und dass man sie jetzt nicht rückgängig machen kann, sondern nach vorne schauen soll. Er sagt, daß wir unserem Kind ein besseres Leben bieten wollten, und dass wir uns dafür keine Vorwürfe machen sollen.
Ich habe eigentlich auch nicht wirklich ein schlechtes Gewissen bezüglich unserer Entscheidung, mir fehlt nur unser Kind so. Der Gedanke, daß sie bei einer anderen Familie aufwächst, wie sie lacht, wie sie die ersten Worte spricht, und das alles ohne uns tut mir unendlich weh. Ich denke jeden Morgen als erstes an sie, und sie begleitet mich durch den Tag. Immer wenn ich Kinder auf der Straße sehe, die in ihrem Alter sind, trifft es mich wie ein Stich ins Herz.
Mein Freund sagt, wir sollten jetzt wieder an uns denken, und versuchen, jetzt unsere eigene Familie zu gründen, aber ich fühle mich dazu nicht bereit. Ich will kein anderes Kind, ich will nur mein Kind. Ich hätte nur das Gefühl, daß es ein Ersatzkind wäre.
Max, ich weiß nicht was ich tun soll. Ich kann mein Kind nicht zurückbekommen, denn ich habe es zur Adoption freigegeben, für immer. Ich kann nur hoffen, daß sie sich irgendwann, wenn sie erwachsen ist, bei mir meldet. Aber mit diesem Verlust leben kann ich nicht.
Ich weiß einfach nicht weiter.
Nadja
vielen Dank für Deine sehr bewegende Nachricht – Du hast Deine Gefühle so gut beschrieben, dass ich doch glatt eine kleine Träne verdrückt habe. Denn die Situation in der Du Dich befindest, stelle ich mir tatäschlich sehr aufreibend vor.
Ich habe jetzt mal versucht, mich bei Google über Deine Rechte schlau zu machen, und es scheint so, als ob die Adoption nicht rückgängig zu machen ist. Allerdings muss ich hier noch einmal ganz klar sagen, dass ich für eine Rechtsberatung nicht qualifiziert bin – und Dir diesbezüglich auch gar keinen Rat geben dürfte.
Was ich also so gelesen habe, bedeutet, dass Du Dich unweigerlich mit dem Gedanken, Dein Kind erst einmal nicht wieder zusehen auseinandersetzen musst. Aber das hast Du ja sowieso schon erkannt und auch beschrieben.
Prinzipiell finde ich auch, dass Dein Freund mit seiner Herangehensweise an die Thematik recht hat. Ihr habt die mutige Entscheidung, Euer Kind zur Adoption frei zu geben damals in dem Wissen gefällt, dass ihr Eurem Kind eine bessere Zukunft beschert. Dass sich bei Euch selber die Dinge so schnell zum Guten wenden würden, damit konnte damals keiner rechnen…
Nun klingt das aber alles so einfach, die Entscheidung und damit die Vergangenheit zu akzeptieren und nach vorne zu schauen. Aber das ist es bei weitem nicht. Der Gedanke an Dein Kind ist omnipräsent und geht nicht weg. Auch Dein Gefühl, ein zweites Kind wäre nur ein Ersatzkind hört sich sehr stark an. Ich finde es daher auch richtig, erstmal auf Dein Gefühl zu hören und kein zweites Kind zu planen. Denn solange Du dieses Gefühl des Ersatzkindes hast, wird es wahrscheinlich schwierig werden, dieses zweite Kind ganz normal aufzuziehen; Kinder bemerken zögerliches Verhalten oder sogar Abneigung sehr schnell und das wäre für das Heranwachsen sicher nicht förderlich.
Die Schwierigkeit an Deinem Problem ist, dass ich Dir – so befürchte ich – hier über das Internet nicht auf die Schnelle weiterhelfen kann. Die Problematik sitzt so tief, dass ich denke, dass Du Dir vielleicht einmal über professionelle therapeutische Hilfe Gedanken machen solltest. Ich würde es daher als am hilfreichsten erachten, wenn Du einmal Deinem Hausarzt Deine Gefühle und Deine Traurigkeit schilderst, und mit ihm gemeinsam entscheidest, ob der Besuch bei einem Psychotherapeuten für Dich in Frage käme. Ausserdem habe ich kurz einmal im Internet den Begriff „Herkunftsfamilie“ gegoogelt, und bin dort auf Anhieb auf mehrere Foreneinträge und Hinweise auf Gesprächsgruppen gestossen.
Ich könnte mir vorstellen, dass solch ein Austausch mit anderen Betroffenen Dir auch weiterhelfen könnte. Wie Du Dich aber auch entscheidest, ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute dabei, diese Episode hinter Dir zu lassen und hoffe, dass Du schon bald wieder mit dem Wissen, das Beste für Dein Kind getan zu haben erwartungsvoll in die Zukunft schauen kannst. Und wer weiss, vielleicht wird sich Deine Tochter ja, sobald sie von der Adoption erfährt auf die Suche nach Dir machen. Zu diesem Thema habe ich vor längerer Zeit den Beitrag von Melanie beantwortet, die erfahren hat, dass sie adoptiert ist und sich fragte, ob sie sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern machen soll.
Sei umarmt,
Dein Max
Ich weiss, das klingt abgedroschen. aber ich denke an dich!! <3 i.
Scheisse, ich hoffe du kommst drüber hinweg. hört sich echt schwer an.