Gesundheit

Ich komme aus meinem Loch nicht raus – bin ich depressiv?

Heiner verbringt den Großteil seines Lebens in einem tiefen Loch. Dann zieht er sich zurück, trifft keine Freunde mehr und lässt die Welt an ihm vorbeiziehen. Auch wenn es manchmal Lichtblicke gibt, fragt er sich: Bin ich depressiv?

Bin ich depressiv?
Eine Depression kann dazu führen, dass sich Betroffene zurückziehen.


Hallo Max,

heute bin ich durch Zufall über Deine Seite gestolpert! Und habe mir gedacht, wenn nicht jetzt, wenn nicht Du, wann dann, wer dann? Ich hänge nämlich seit Monaten (wenn nicht Jahren) in einem tiefen Loch, aus dem ich einfach nicht rauskomme. Und ob Du es glaubst oder nicht, sogar diese Nachricht hier an Dich zu schreiben kostet mich viel Kraft.

Woher kommt das tiefe Loch?


Mein Problem ist allerdings etwas anders als das der anderen Ratsuchenden, denn ich kann gar nicht genau sagen worin es sich begründet… Wenn ich in so ein tiefes Loch falle, dann passiert das einfach so. Das kann von einem Tag auf den anderen passieren, völlig unangemeldet. Auch über Nacht. Und mittlerweile ist es so, dass die Zeiten, in denen ich in einem Loch hänge länger sind als die, in denen ich bei klarem Verstand ein normales Leben führen kann.

Wenn jeder Tag plötzlich unendlich viel Kraft kostet


Denn wenn es mir schlecht geht, bin ich nicht mehr wirklich lebensfähig. Alle Dinge, die mir sonst so einfach fallen, werden plötzlich zu elefantenmäßigen Mammutaufgaben. Ich schaffe es nur noch ganz schlecht zu kochen, esse in dieser Zeit zum Beispiel nur Fertiggerichte. Außerdem verwahrlost meine Wohnung regelrecht und ich gehe fast nicht mehr vor die Tür. Da ich Frühpensionär und alleinstehend bin, ist das allerdings oft auch nicht notwendig.

Und dann kommt der soziale Rückzug


Außerdem fällt es mir unglaublich schwer, mit Freunden oder Verwandten Kontakt zu halten. Ich habe keine Lust auf Treffen und sogar das Telefonieren fällt mir schwer. Ich möchte dann einfach nur für mich sein, und die Welt an mir vorbeiziehen lassen. Es ist also ob ich diese Zeiten in Trance verbringen würde.

Aber es gibt auch gute Phasen


Und dann ist es aber manchmal, ganz selten, wieder so, dass diese schwarzen Löcher enden. Dass ich mich irgendwie wieder aufrappeln kann. Und in diesen Zeiten geht mir dann alles wieder irgendwie wesentlich leichter von der Hand. Ich kann die Dinge wieder machen, die mich davor zu viel Anstrengung gekostet haben. Ich putze meine Wohnung, nehme wieder soziale Kontake auf und am Leben teil. Das genieße ich dann regelrecht, allerdings immer in der Sorge, das tiefe Loch lauert schon wieder auf mich. Ich lebe dann quasi als ob es „kein Morgen“ gäbe.

Und dann kommt die Frage: Bin ich depressiv?


Warum ich Dir schreibe? Weil mich dieses Auf und Ab fertig macht. Ich kann kein normales Leben mehr führen! Mein Leben ist gefüllt von starken Gefühlen, die mich aus der Bahn werfen. Ich habe letztens etwas über Depression gelesen und mich gefragt, ob ich depressiv bin?

Was kann ich tun, wie kann ich endlich wieder ein normales Leben führen?

Heiner

Hallo Heiner,

vielen Dank für Deine Nachricht, die mich sehr betroffen gemacht hat.

Denn so wie Du Dein tiefes Loch beschreibst, könnte es sich tatsächlich um eine Depression handeln. Aber: Das kann nur ein Fachmann diagnostizieren – ich hier aus der Ferne kann das nicht.

Das sind Symptome einer Depression:


Aber ich möchte trotzdem einmal die Symptome aufzeigen, die HInweis auf eine Depression sein können. So hört sich das tiefe Loch, von dem Du sprichst nach einer typischen depressiven, gedrückten Stimmung an – und zwar nicht mal nur ein paar Tage lang, sondern über einen längeren Zeitraum. Außerdem sprichst Du davon, dass Du Deine sozialen Kontakte zurückfährst. Auch der Verlust der Freude an Aktivitäten, die früher einmal Spaß gemacht haben zählt zu den Symptomen einer Depression. Und zuletzt fällt mir auch der verminderte Antrieb – so wie von Dir zum Beispiel bei der Verwahrlosung der Wohnung beschrieben – auf, da er zu den Anzeichen für eine Depression gehört

Die Depression ist die Volkskrankheit Nummer 1. Fast fünf Millionen Deutsche leiden mittlerweile darunter! Und wenn jemand wie Du über mehrere Monate oder gar Jahre unter einer möglichen Depression leidet, dann ist es höchste Zeit, etwas zu tun!

Der Weg von “bin ich depressiv” zu “ich hole mir Hilfe” ist oft nicht leicht

Bin ich depressiv?
Eine Depression kann sich wie ein innerer Winter anfühlen.

Aber auch der Weg, sich Hilfe zu suchen ist nicht leicht. Denn Menschen mit Depressionen leiden oft unter Antriebsschwäche – eben genau das, was Du beschrieben hast. Ich verstehe daher sehr gut, dass Dich schon allein diese Nachricht an mich viel Kraft gekostet hat. Erschwerend hinzu kommt in Deinem Fall, dass Du schon pensioniert und alleinstehend bist. Da gibt es natürlich wenig Antrieb, etwas an der Situation zu ändern – Druck vom Partner oder dem Beruf scheint es in Deinem Fall ja nicht zu geben.

Aber was kann man tun, wenn man sich fragt “Bin ich depressiv”?


Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn die Krankenkassen in Deutschland übernehmen die Kosten für eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel die Psychotherapie oder auch das Verschreiben von Antidepressiva. Leider gibt es jedoch in den meisten Regionen Deutschlands lange Wartezeiten, die den Betroffenen den Weg zum Fachmann/ zur Frachfrau erschweren.

Bin ich depressiv?
Auch Medikamente können bei Depressionen helfen.


Ich rate Dir dringend, einen Termin bei Deinem Allgemeinarzt geben zu lassen und Dich mit ihm zusammen über die nächsten Schritte zu beraten.

Eine Psychotherapie kann bei Depressionen helfen


Du hast aber auch die Möglichkeit, direkt einen Termin bei einem Psychotherapeuten oder einem Psychiater zu vereinbaren. Unter diesem Link findest Du übrigens eine Suchmaschine für Psychotherapeuten in ganz Deutschland. Außerdem gibt es eine Reihe von psychologischen Beratungsstellen, die auf Menschen wie Dich spezialisiert sind. Dort sind die Wartezeiten oft deutlich kürzer, bis Du mit jemandem sprechen kannst. Falls Dir der Kontakt mit “realen” Menschen gerade noch zu viel ist, kannst Du Dich erstmal auch in Foren wie dem verlinkten mit anderen Betroffenen virtuell austauschen. Besonders kann ich Dir auch den hier verlinkten Blog “Sonnengrau” empfehlen, der auf eine ganz besondere Art Einblicke in das Leben mit Depression gibt.

Es gibt eine Menge Möglichkeiten, mit dieser Krankheit umzugehen, und ich hoffe sehr, dass Du den richtigen findest! Wichtig ist, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Es gibt Hilfe. Und es gibt Hoffnung! Die Frage “bin ich depressiv” ist richtig – jetzt geht es darum sie zu beantworten und Hilfe zu suchen.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft auf Deinem Weg.

Dein Max

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