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Ich kann nicht mehr – und jetzt bin ich auch noch schwanger!

Melissa (17) hatte keine leichte Kindheit: Nach der Trennung der Eltern musste sie früh Verantwortung übernehmen. Jetzt merkt sie: Ich kann nicht mehr. Und fragt Max um Rat.

Manchmal kommt man an seine Grenzen und merkt: Ich kann nicht mehr.
Es gibt Momente im Leben, wo man merkt: “Ich kann nicht mehr”


Hallo Max,

ich bin 17 Jahre alt und habe es meiner Meinung nach weiß Gott in meinem kurzem Leben nicht einfach gehabt…

Schon in der frühen Kindheit gab es die ersten Probleme


Mein Vater war Alkoholiker und hat nichts gebacken bekommen, meine Mutter war total überfordert und ich hatte zwei kleine Geschwister, für die ich schon früh selbst sorgen musste. Ich habe schon mit 11 den Haushalt alleine gemacht, weil meine Eltern mit ihren eigenen Problem nicht zurecht kamen. Dabei wurde ich auch von meinem Vater geschlagen. Dann ist mein Vater irgendwann in einen Rockerclub eingetreten, hat dann eine neue Partnerin gefunden und ist ausgezogen.

Mit einem alkoholkranken Vater kommt man schnell an seine Grenzen.
Wenn ein Elternteil Alkoholiker ist, kann das für die Kinder zu großen Problem führen.


An dem Tag, als mein Vater uns von seiner neuen Freundin erzählt hat,
ist meine Mutter in der Küche vor dem Herd weinend zusammengebrochen. Mein Vater saß dann mit meinen zwei Geschwistern und ihr gemeinsam weinend auf dem Boden, und ich stand in der Tür – ganz ohne Emotion. Dann musste ich den Krankenwagen rufen, weil meine Mutter nur noch wirres Zeug geredet hat.

Auf die Trennung folgt: viel Verantwortung für ein so junges Mädchen


Zu der Zeit hat meine Mutter dann angefangen, nur noch Party zu machen und sich immer volllaufen zu lassen, weil sie im Selbstmitleid ertrunken ist. Und ich war mit meinen zwei kleinen Geschwistern alleine zu Hause. Ich bin zwar noch zur Schule gegangen, aber ich musste ja einen Haushalt mit 5 Personen schmeißen (waschen, bügeln, kochen) und auch noch zwei Kinder erziehen.

Wir hatten kein Geld mehr und somit bin ich nachts arbeiten gegangen, von abends zehn bis morgens um sieben. Anfangs bin ich dann noch in die Schule, aber irgendwann ging’s nicht mehr. Meine Mutter war nur am Lügen, meine Geschwister immer anstrengender, und um das alles zu schaffen habe ich irgendwann nach Drogen gegriffen, um wach zu bleiben und alles zu meistern.

Wenn man nicht mehr kann – aber es keine Hilfe gibt


Das hat mich echt an meine Grenze gebracht, und ich habe auch oft versucht, mir Hilfe zu holen. Ich war beim Jugendamt, aber nichts ist passiert. An einem Abend bin ich dann einfach mal feiern gegangen, und habe einen Kerl kennengelernt. Das Ergebnis war, dass ich meinen Freund nach zwei Jahren Beziehung verloren habe, aber das war mir alles egal. Mein Ex-Freund hat mich zum Beispiel mit einer Schusswaffe mehrfach bedroht und mich geschlagen, als wir uns getrennt hatten.

Wenn man nicht mehr kann, sollte man nicht zu Tabletten greifen.
In Krisensituationen nehmen manche Menschen eine Überdosis Tabletten. Das ist lebensgefährlich und sollte auf keinen Fall getan werden.

Irgendwann konnte ich nicht mehr, ich war fertig mit der Welt und wollte meinen Ex-Freund wieder zurückgewinnen. Da habe ich aber herausgefunden, dass er mich mit meiner besten Freundin betrogen hat. Als ich das erfahren habe, kam ich nach Hause und bin an die Tabletten meiner Mutter gegangen. Ich habe mir 2 Packungen Tabletten gegen Krampfanfälle genommen und Antidepressiva höchster Stufe, bin in die Küche und habe mich auf den Boden gesetzt und habe die insgesamt 90 Tabletten geschluckt.

Rettung in letzter Sekunde


Als mir klar wurde du stirbst grade, wollte ich auf die Toilette um es auszubrechen, aber es war zu spät. Ich kippte im Badezimmer um, und durch den Knall wurde mein kleiner Bruder geweckt (15j) und kam ins Badezimmer. Meine Mutter hat dann den Krankenwagen und meinen Vater gerufen. Hätte mein Bruder mich nicht gefunden oder reagiert wäre ich jetzt nicht mehr am Leben sagen die Ärzte. Ich kam zuerst auf die Intensivstation und danach in die Geschlossene.

Als ich raus durfte, bin ich zu meinem Vater, der jetzt wieder trocken ist und seiner schwangeren Freundin gezogen. Das Jugendamt wurde aber eingeschaltet, auch wegen meiner Mutter und weil sie zum Beispiel über mehrere Monate keine Miete gezahlt hatte. Wir haben jetzt eine Familienhilfe, ich soll eine Therapie und meinen Schulabschluss machen.

Aber wie soll es weitergehen?


Bin jetzt seit Ende Februar wieder mit meinem Ex-Freund zusammen, und bin auch sehr glücklich. Meine Stiefmutter möchte, dass ich wieder in die Geschlossene gehe und meine Therapie mache, das Jugendamt möchte eine Wohngruppe für mich und mein Vater ist hin- und hergerissen, weil ich im September 18 werde. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, weder meine Geschwister noch ich sind bis jetzt nach dem ganzen Zeug in irgendeiner Weise therapiert worden! Im Januar ist dann mein kleiner Bruder zur Welt gekommen und jetzt ich mit meinen Problemen. Meine Geschwister sind noch bei meiner Mutter, es ist alles viel zu viel.

Und die nächsten Neuigkeiten warten schon…


Und als wäre das noch nicht genug, bin ich schwanger und werde Mutter. Abtreiben kommt nicht in Frage, ich werde es behalten und großziehen. Aber was ist jetzt der richtige Weg? Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, mein Kopf ist voll – ich kann nicht mehr. Ich bitte Dich um Rat, weil wenn’s so weitergeht wie mein vorheriges Leben werde ich das nicht schaffen.

Das was ich jetzt erzählt habe ist nur die Spitze vom Eisberg, ich habe keinen mit dem ich reden kann, aber ich musste jetzt einfach mal alles raus lassen und dann bin ich hier gelandet wo ich auch froh drüber bin. Ich würde mich auf schnelle Antwort sehr freuen!

LG Melissa

Hallo Melissa,

vielen Dank für Deine Nachricht, die mich ganz schön bewegt hat.

Deinen Gedanken “Ich kann nicht mehr” kann ich gut verstehen


Wahnsinn, was Du alles in Deinem kurzen Leben schon erleben musstest. Als ich Deinen Text gelesen habe, habe ich gedacht: Das Leben ist einfach nicht fair, dass eine einzelne Person so viel aushalten muss. Und ich kann gut nachvollziehen, dass Du sagst: Ich kann nicht mehr. Auf der anderen Seite hat mich aber auch beeindruckt, welche Schwierigkeiten Du schon alle gemeistert hast. Es ist bewundernswert, dass Du immer noch so viel Kraft hast, und gerade in Bezug auf Dein Kind in die Zukunft schaust. Du bist eine echte Kämpfernatur!

Mir scheint, dass Du Dich gerade auch Deinen Geschwistern gegenüber sehr stark verantwortlich fühlst. Das ist nach dieser langen Zeit, in der Du Dich um sie gekümmert hast auch nicht überraschend. Schließlich habt ihr gemeinsam so einiges durchlebt und Du hast – so wie ich das verstehe – in manchen Situationen auch eher die Rolle der Mutter eingenommen als Eure richtige Mutter das vielleicht getan hat.

Nun stehst Du aber selber kurz davor, Mutter zu werden. Und deswegen stehen nun wichtige Entscheidungen an. Dass das nicht leicht ist, kann ich sehr gut verstehen.

Meine Empfehlung: Erst einmal sortieren


Um jetzt den richtigen Weg zu finden hilft es vielleicht, einmal kurz zu schauen, wo Du gerade stehst. Und da fallen mir auf den ersten Blick drei „Baustellen“ auf, die Dich gerade zu beschäftigen scheinen. Auf der einen Seite stehst Du mit Deiner Vergangenheit, die Dich viel Kraft gekostet hat und ans Ende Deiner Kräfte gebracht hat. Auf der anderen Seite stehen Deine Geschwister und dann gibt es als drittes noch Dein ungeborenes Baby.

Wenn Du merkst, dass Du nicht mehr kannst, hilft es zu sortieren.
Wenn man das Gefühl hat, dass einem vor lauter Problemen der Kopf platzt, hilft es, die Probleme zu sortieren und zu schauen, was gerade am wichtigsten ist.

Und wenn ich diese drei Baustellen jetzt mal nach ihrer Wichtigkeit sortiere, dann finde ich, dass Deine Geschwister (und Deine Mutter) – so hart das jetzt auch klingen mag – an letzter Stelle kommen sollten. Denn soweit ich das verstehe, ist ja mittlerweile das Jugendamt aktiv und es gibt auch eine Familienhilfe. Auch wenn es sicher für Dich nicht einfach ist, hier ein bisschen loszulassen heißt das, dass sich hier schon jemand anderes kümmert. Die Verantwortung liegt also nicht mehr bei Dir – auch wenn sich das wahrscheinlich noch so anfühlt. Aber es liegt jetzt an dem Jugendamt und der Familienhilfe, die Situation dort zu ändern – und das sind Fachleute, die das nicht zum ersten Mal machen. Man kann sich also wahrscheinlich auf sie verlassen.

Ich finde: An erster Stelle stehst Du


An erste Stelle gehört meiner Meinung nach jetzt, dass es Dir bald besser geht und Du Deinem Baby eine gute Mutter sein kannst. Kinder – auch ungeborene – spüren sehr genau, wie es der Mutter geht. Und damit sich ein Kind gut entwickelt ist es wichtig, dass es Dir als Mutter zumindest ein bisschen besser geht. Dein Kind sollte die Chance haben, ein Leben in einer Familie zu führen, das so unbeschwert wie möglich ist.

Deswegen glaube ich, dass die wichtigste Entscheidung jetzt ist, wo und wie Du in den nächsten Monaten leben willst, um wieder ein bisschen zur Ruhe zu kommen und Kraft zu sammeln. Da ich Dich persönlich nicht kenne, kann ich Dir bei dieser Entscheidung leider nicht wirklich weiterhelfen. Denn ich weiß nicht, welche Option für Dich die beste ist.

Eine Wohngruppe kann ganz schön entlasten


Ganz allgemein möchte ich aber kurz sagen, dass ich den Vorschlag des Jugendamtes mit der Wohngruppe grundsätzlich gut finde. Wohngruppen gibt es zum Beispiel auch für schwangere Frauen. Gerade junge Menschen wie Du, die in der Vergangenheit mit großen Herausforderungen zu kämpfen hatten sind in solchen Wohngruppen oft gut aufgehoben. Denn dort kannst Du Dich einmal nur um Dich selbst kümmern, bei allem anderen bekommst Du Unterstützung.

Wer nicht mehr kann, bekommt in einer Wohngruppe Unterstützung.
In einer Wohngruppe bekommt man oft von mehreren Seiten wichtige Unterstützung.


Denn wenn es einmal Schwierigkeiten gibt, steht in der Regel jemand bereit, der Dir helfen kann. Gerade in der Schwangerschaft und auch der Zeit danach kann so etwas sehr hilfreich sein! Natürlich kann es aber auch sein, dass Dir jetzt der enge Kontakt mit Deinem Vater oder der Familie Deines Freundes am meisten hilft – das kann ich wie gesagt nicht beurteilen.

Auch wichtig: Jemand, der Dir zuhört


Aber egal für welche Option Du Dich entscheidest, auf eine Therapie solltest Du meiner Meinung nach nicht verzichten. Denn so wie sich Deine Nachricht anhört, gibt es einiges zu besprechen und aufzuarbeiten. Und da gibt es zwei Möglichkeiten: Einmal – wie von Dir schon angesprochen – die stationäre Therapie, wo man für eine gewissen Zeit ins Krankenhaus geht (es gibt übrigens auch eine teilstationäre Therapie, die Tagesklinik).

Auf der anderen Seite gibt es auch eine ambulante Möglichkeit, das heißt, dass Du regelmäßig (1-2 Mal pro Woche) zu einem niedergelassenen Psychotherapeuten gehen würdest. Beide Möglichkeiten haben ihre Vor-und Nachteile, die ich in Deinem Fall allerdings nicht einschätzen kann – dafür kenne ich Dich zu wenig. Bei solchen Entscheidungen kann Dir aber möglicherweise auch die Familienhilfe weiterhelfen. Wichtig zu wissen: Ambulante und stationäre Therapien haben leider oft eine Wartezeit, bis es losgehen kann.

Der schnellste Weg zu Hilfe, wenn man merkt, dass es nicht mehr geht ist eine Beratungsstelle


Daher würde ich Dir empfehlen, Dich erstmal an eine Beratungsstelle zu wenden. Denn dort bekommt man – besonders wenn Du merkst “Ich kann nicht mehr” – schnell einen Termin und eben auch schnell Hilfe. Solche Beratungsstellen gibt es viele: Du kannst zum Beispiel nach psychologischen Beratungsstellen googeln oder Dich direkt unter den Links an die Caritas, die Diakonie oder Profamilia (speziell für Schwangere und Mütter) wenden. Dort könntest Du zum Beispiel dann auch besprechen, welche Art von Therapie für Dich jetzt am passendsten ist und Dir bei der Suche nach einer Klinik oder einem Therapeuten helfen lassen.

Liebe Melissa, vielen Dank, dass Du mir Dein Vertrauen geschenkt hast und mir von Deinen Problemen erzählt hast. Ich finde es bewundernswert, wie gut Du trotz der ganzen Probleme Dein Leben bis jetzt auf die Reihe bekommen hast.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft auf Deinem weiteren Weg. Und ich hoffe, dass es Dir gelingt, Hilfe in Anspruch zu nehmen – am schnellsten und besten geht das über eine Beratungsstelle. Denn ich glaube es ist jetzt ganz wichtig, dass Du einen Ansprechpartner findest, mit dem Du Deine Sorgen besprechen kannst.

Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass es bald wieder bergauf geht.

Dein Max

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