Hallo Max,
also, ich habe den Hund von meiner Frau vor drei Wochen versehentlich überfahren, als ich aus unserer Ausfahrt rausgefahren bin. Ich wollte das wirklich nicht, ich habe ihn einfach nicht im Spiegel gesehen, er ist bzw. war ein Dackel, den übersieht man leicht mal.
Das Problem ist jetzt, dass ich es nicht übers Herz bringe, meiner Frau zu sagen, dass ich den Hund überfahren habe. Weil unser Gartentor immer offen ist, und der Hund schon früher einmal weggelaufen war (die Polizei hat ihn dann aber schon am nächsten Tag zurückgebracht) hofft sie, dass er bald wieder zurück kommt und dass er noch lebt.
Leider ist meine Frau nun seit den zwei Wochen, wo ich den Hund überfahren habe sehr traurig und weint auch viel. Der Hund war schon 12 Jahre alt, und meine Frau hatte ihn schon, bevor wir uns überhaupt kennengelernt haben.
Gestern habe ich dann bei einem Züchter einen neuen Dackelwelpen gekauft und nach der Arbeit mit nach Hause gebracht. Als ich zur Tür reingekommen bin und sie gesehen hat, dass ich einen neuen Welpen dabei habe, hat sie sich im Bad eingeschlossen und geschrien, dass sie keinen neuen Hund will und ob ich denn überhaupt keinen Anstand hätte, so bald schon über einen neuen Hund nachzudenken. Ich hab den Hund dann heute wieder zurück zum Züchter gebracht, aber ich verstehe nicht, warum sie so sauer war. Hätte ich sie zuerst fragen sollen? Ich wollte doch, dass es eine Überraschung wird.
Wo sie jetzt einfach nicht aufhört, traurig zu sein, frage ich mich halt, ob ich ihr sagen soll, dass ich den Hund überfahren habe. Würde ihr das helfen? Ich meine, so hat sie ja wenigstens noch die Hoffnung, dass er lebt. Ich habe aber vorsorglich, für den Fall, dass ich es ihr doch eines Tages sage, ein richtig schönes Grab für ihn angelegt, ganz bei uns in der Nähe im Wald.
Hast Du einen Rat für mich?
Rüdiger
Lieber Rüdiger,
vielen Dank für Deinen Brief. Also zuerst einmal würde ich Dir raten, den Beitrag von Gisela durchzulesen,
deren Hund gestorben ist und die mich gefragt hat, wie sie damit klarkommen soll. Vielleicht verstehst Du so besser, wie Deine Frau sich fühlt.
Also prinzipiell handelt es sich bei Deiner Erzählung ja um einen Unfall, Du hast den Hund ja nicht mit Absicht überfahren. Und ein Unfall sollte jedem verziehen werden – finde ich. Nun kenne ich Deine Frau jedoch nicht, und weiß nicht, wie sie auf Dein Geständnis reagieren würde. Das wirst nur Du irgendwie abschätzen können.
Der Punkt ist allerdings, dass sie wohl noch eine ganze Weile traurig sein wird und auf ihren Hund warten wird, und irgendwann der Punkt, an dem Du ihr von dem Unfall erzählen kannst überschritten ist. Was dafür sprechen würde, ihr von dem Unfall zu erzählen ist Folgendes:
Manchmal ist es leichter, wenn man die Wahrheit kennt, mit der Vergangenheit abzuschliessen. Gerade hat sie jeden Tag Sorge um ihren Hund, und malt sich vielleicht sogar aus, in welchen hilflosen Situationen er stecken könnte. Und das ist schwierig für sie, denn sie fühlt sich wahrscheinlich sehr hilflos. Wüsste sie nun aber, dass ihr Hund tot ist, wäre der Schmerz zwar zuerst groß, aber dann könnte sie akzeptieren, dass er nicht mehr wiederkommen würde und sie könnte aufhören zu warten. Das ist für manche Menschen eine enorme Erleichterung.
Die Idee, einen neuen Hund zu kaufen fand ich von der Motivation her eine sehr nette. Nun hast Du aber wahrscheinlich einfach zu schnell gehandelt, denn so wie Du es beschrieben hast ist sie wohl tatsächlich noch nicht bereit für einen neuen Hund – vielleicht auch, weil sie noch auf ihre alten Hund wartet. Solltest Du Dich entscheiden, ihr nicht die Wahrheit zu sagen, müsstest Du auf jeden Fall noch ein bisschen abwarten, bis Du das Thema „Neuer Hund“ wieder ansprichst.
Auch die Tatsache, dass Du dem Hund ein schönes Grab gemacht hast finde ich gut. Solltest Du Dich also entscheiden, ihr von dem Unfall zu erzählen, wird sie sehen, dass auch Du den Hund gerne gehabt hast und ihm daher ein schönes Grab geschaffen hast.
Aber wie Du Dich auch entscheidest, je eher desto besser.
Ich wünsche Dir viel Glück bei Deiner Entscheidung und dem eventuellen „Nachspiel“,
Dein Max