Rss Feed

‘Kriminalität’ Category

  1. Melissa fragt: Mein Leben ist ein einziges Chaos, wie soll es weitergehen?

    1. April 2013 by Admin

    Hallo Max,

    ich bin 17 Jahre alt und habe es meiner Meinung nach weiß Gott in meinem kurzem Leben nicht einfach gehabt…

    Mein Vater war Alkoholiker und hat nichts gebacken bekommen, meine Mutter war total überfordert und ich hatte zwei kleine Geschwister, für die ich schon früh selbst sorgen musste. Ich habe schon mit 11 den Haushalt alleine gemacht, weil meine Eltern mit ihren eigenen Problem nicht zurecht kamen. Dabei wurde ich auch von meinem Vater geschlagen. Dann ist mein Vater irgendwann in einen Rockerclub eingetreten, hat dann eine neue Partnerin gefunden und ist ausgezogen.

    An dem Tag, als mein Vater uns von seiner neuen Freundin erzählt hat, ist meine Mutter in der Küche vor dem Herd weinend zusammengebrochen. Mein Vater saß dann mit meinen zwei Geschwistern und ihr gemeinsam weinend auf dem Boden, und ich stand in der Tür – ganz ohne Emotion. Dann musste ich den Krankenwagen rufen, weil meine Mutter nur noch wirres Zeug geredet hat.

    Zu der Zeit hat meine Mutter dann angefangen, nur noch Party zu machen und sich immer volllaufen zu lassen, weil sie im Selbstmitleid ertrunken ist. Und ich war mit meinen zwei kleinen Geschwistern alleine zu Hause. Ich bin zwar noch zur Schule gegangen, aber ich musste ja einen Haushalt mit 5 Personen schmeissen (waschen, bügeln, kochen) und auch noch zwei Kinder erziehen. Wir hatten kein Geld mehr und somit bin ich nachts arbeiten gegangen, von abends zehn bis morgens um sieben. Anfangs bin ich dann noch in die Schule, aber irgendwann ging’s nicht mehr. Mein Mutter war nur am lügen, meine Geschwister immer anstrengender, und um das alles zu schaffen habe ich irgendwann nach Drogen gegriffen, um wach zu bleiben und alles zu meistern.

    Das hat mich echt an meine Grenze gebracht, und ich habe auch oft versucht, mir Hilfe zu holen. Ich war beim Jugendamt, aber nichts ist passiert. An einem Abend bin ich dann einfach mal feiern gegangen, und habe einen Kerl kennengelernt. Das Ergebnis war, dass ich meinen Freund nach zwei Jahren Beziehung verloren habe, aber das war mir alles egal. Mein Ex-Freund hat mich zum Beispiel mit einer Schusswaffe mehrfach bedroht und mich geschlagen, als wir uns getrennt hatten.

    Irgendwann konnte ich nicht mehr, ich war fertig mit der Welt und wollte meinen Ex-Freund wieder zurückgewinnen. Da habe ich aber herausgefunden, dass er mit meiner besten Freundin im Bett war. Als ich das erfahren habe, kam ich nach Hause und bin an die Tabletten meiner Mutter gegangen. Ich habe mir 2 Packungen Tabletten gegen Krampfanfälle genommen und Antidepressiva höchster Stufe, bin in die Küche und habe mich auf den Boden gesetzt und habe die insgesamt 90 Tabletten geschluckt.

    Als mir klar wurde du stirbst grade, wollte ich auf die Toilette um es auszubrechen, aber es war zu spät. Ich kippte im Badezimmer um, und durch den Knall wurde mein kleiner Bruder geweckt (15j) und kam ins Badezimmer. Meine Mutter hat dann den Krankenwagen und meinen Vater gerufen. Hätte mein Bruder mich nicht gefunden oder reagiert wäre ich jetzt nicht mehr am Leben sagen die Ärzte. Ich kam zuerst auf die Intensivstation und danach in die Geschlossene.

    Als ich raus durfte, bin ich zu meinem Vater, der jetzt wieder trocken ist und seiner schwangeren Freundin gezogen. Das Jugendamt wurde aber eingeschaltet, auch wegen meiner Mutter und weil sie zum Beispiel über mehrere Monate keine Miete gezahlt hatte. Wir haben jetzt eine Familienhilfe, ich soll eine Therapie und meinen Schulabschluss machen.

    Bin jetzt seit Ende Februar wieder mit meinem Ex-Freund zusammen, und bin auch sehr glücklich. Meine Stiefmutter möchte, dass ich wieder in die Geschlossene gehe und meine Therapie mache, das Jugendamt möchte eine Wohngruppe für mich und mein Vater ist hin- und hergerissen, weil ich im September 18 werde. Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll, weder meine Geschwister noch ich sind bis jetzt nach dem ganzen Zeug in irgendeiner Weise therapiert worden! Im Januar ist dann mein kleiner Bruder zur Welt gekommen und jetzt ich mit meinen Problemen. Meine Geschwister sind noch bei meiner Mutter, es ist alles viel zu viel.

    Und als wäre das noch nicht genug, bin ich schwanger. Abtreiben kommt nicht in Frage, ich werde es behalten und großziehen. Aber was ist jetzt der richtige Weg? Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, mein Kopf ist voll – ich kann nicht mehr. Ich bitte Dich um Rat, weil wenn’s so weitergeht wie mein vorheriges Leben werde ich das nicht schaffen.

    Das was ich jetzt erzählt habe ist nur die Spitze vom Eisberg, ich habe keinen mit dem ich reden kann, aber ich musste jetzt einfach mal alles raus lassen und dann bin ich hier gelandet wo ich auch froh drüber bin. Ich würde mich auf schnelle Antwort sehr freuen! ;)

    LG Melissa

    Liebe Melissa,

    vielen Dank für Deine Nachricht, die mich ganz schön bewegt hat.

    Wahnsinn, welche Schwierigkeiten Du schon alle gemeistert hast. Und toll, dass Du immer noch so viel Kraft hast, und gerade in Bezug auf dein Kind in die Zukunft schaust. Du bist eine echte Kämpfernatur!

    Mir scheint, dass Du Dich gerade auch Deinen Geschwistern gegenüber sehr stark verantwortlich fühlst. Das ist nach dieser langen Zeit, in der Du Dich um sie gekümmert hast auch nicht überraschend. Schließlich habt ihr gemeinsam so einiges durchlebt und Du hast – so wie ich das verstehe – in manchen Situationen auch eher die Rolle der Mutter eingenommen als Eure richtige Mutter das vielleicht getan hat.

    Nun stehst Du aber selber kurz davor, Mutter zu werden. Und deswegen stehen nun wichtige Entscheidungen an. Dass das nicht leicht ist, kann ich sehr gut verstehen.

    Um jetzt den richtigen Weg zu finden hilft es vielleicht, einmal kurz zu schauen, wo Du gerade stehst. Und da fallen mir auf den ersten Blick drei „Baustellen“ auf, die es zu bewältigen gilt. Auf der einen Seite stehst Du mit deinen eigenen (psychischen) Problemen, auf der anderen Seite stehen Deine Geschwister und dann gibt es als drittes noch Dein ungeborenes Baby.

    Und wenn ich diese drei Baustellen jetzt mal nach ihrer Wichtigkeit sortiere, dann kommen Deine Geschwister (und Deine Mutter) – so hart das jetzt auch klingen mag – an letzter Stelle. An erste Stelle gehört jetzt, dass es Dir bald besser geht und Du Deinem Baby eine gute Mutter sein kannst. Kinder spüren sehr genau, wie es der Mutter geht, und damit sich ein Kind gut entwickelt ist es wichtig, dass es Dir als Mutter zumindest ein bisschen besser geht. Dein Kind sollte die Chance haben, ein Leben in einer Familie zu führen, das so unbeschwert wie möglich ist.

    Deswegen glaube ich, dass die wichtigste Entscheidung jetzt ist, wo und wie Du in den nächsten Monaten leben willst. Da ich Dich persönlich nicht kenne, kann ich Dir bei dieser Entscheidung leider nicht wirklich weiterhelfen. Denn ich weiss nicht, welche Option für Dich die beste ist.

    Ganz allgemein möchte ich aber kurz sagen, dass ich den Vorschlag des Jugendamtes mit der Wohngruppe grundsätzlich gut finde. Gerade junge Menschen wie Du, die in der Vergangenheit mit großen Herausforderungen zu kämpfen hatten sind in solch einer Wohngruppe oft gut aufgehoben. Denn dort kannst Du Dich einmal nur um Dich selbst kümmern, da Dir dort eine feste Struktur geboten wird. Und wenn es einmal Schwierigkeiten gibt, steht in der Regel jemand bereit, der Dir helfen kann. So hättest Du zum Beispiel den Kopf ein bisschen freier, wenn Du Dich dafür entscheidest, doch noch einen Schulabschluss zu machen. Natürlich kann es aber auch sein, dass Dir jetzt der enge Kontakt mit Deinem Vater oder der Familie Deines Freundes am meisten hilft – das kann ich wie gesagt nicht beurteilen.

    Aber egal für welche Option Du Dich entscheidest, auf eine Therapie solltest Du meiner Meinung nach nicht verzichten. Denn so wie sich Deine Nachricht anhört, gibt es einiges zu besprechen und aufzuarbeiten.

    Liebe Melissa, ich habe mich sehr gefreut, dass Du mir Dein Vertrauen geschenkt hast und mir von Deinen Problemen erzählt hast. Du hörst dich so stark an, und ich finde es bewundernswert, wie gut Du trotz der ganzen Probleme Dein Leben bis jetzt auf die Reihe bekommen hast.

    Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass es bald wieder bergauf geht.

    Dein Max

    Share